Die beste Therapie

Autor: Zeugnis

Sie wendete sich als Einzige mit diesem einen Satz an mich, bei dem sie alle Analysen und problembezogenen Mechanismen beiseite ließ: „Und was hast du heute Gutes für einen anderen getan?...“

„Damals dachte ich auch, dass Schönheit, die den Sinnen zugänglich ist, eine schwierige oder gefährliche Gabe sein kann, denn ich traf Menschen, bei denen sie zu Leiden anderer Menschen führte – und so lernte ich langsam, die dem Verstand zugängliche Schönheit, also die Wahrheit, zu schätzen“ (Karol Wojtyla, Vor dem Juwelierladen)

Heute habe ich meinem Gefühl der Verlassenheit und der damit verbundenen Sehnsucht eine zweite, gleichbedeutende Bezeichnung gegeben: Egoismus. Dies geschah in dem Moment, als mir die Worte des franziskanischen Gebets in den Sinn kamen: „O Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens [...]nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste.“

Nach zahlreichen Versuchen, mich von meinen demütigenden Verhaltensweisen zu befreien, bei denen ich bis dahin verschiedene Formen von Hilfe in Anspruch genommen hatte, stand ich ratlos in der Tür eines kleinen Saals und bat Frau Wanda Poltawska um einen Moment des Gesprächs. Sie wendete sich als Einzige mit diesem einen Satz an mich, bei dem sie alle Analysen, problembezogenen Mechanismen und überhaupt das ganze Thema, das zum Grund unserer Begegnung geworden war, beiseite ließ: „Und was hast du heute Gutes für einen anderen getan?...“ Welcher Psychologe würde heute einem suchenden Menschen so eine Frage stellen? … In diesem Moment verloren viele dieser irgendwo aufgeschnappten psychologischen Theorien sehr viel an Bedeutung. Aber in meiner Erinnerung und in meinem Herzen blieb dieser einfache Satz, der für mich zu einer genialen, außergewöhnlichen Entdeckung wurde.

Den ersten Impuls gab die Pornografie. Massenhaft, wie eine riesige Woge fegte sie zusammen mit der Verbreitung der Videorekorder und dem Aufkommen der Videotheken durch die Häuser. Ich erinnere mich an dieses plötzliche Hinstürmen der Menschen zu den Verleihstellen, zu den Farben der Welt in den Bildern der gläsernen Leinwand  Vielleicht, um ein wenig Abwechslung in dieses graue und, man könnte meinen, dörfliche Leben zu bringen? Dieser Drang zum Leben  – zu einem Leben aus zweiter Hand  Und ich? Ich war damals 10, vielleicht 11 Jahre alt. Ich war mir der Zerstörungskraft solcher Inhalte nicht bewusst. „Der menschliche Körper ist heilig und dem Geist unterworfen. Aber entweder dem Heiligen Geist, oder dem Geist dieser Welt. Welchem Geist hast du deinen Körper hier unterworfen? Und warum?“ – Diese energischen Fragen von Frau Doktor vernahm ich erst viele Jahre später.

Ich begann, mich auf gewisse Weise von der realen Welt zu isolieren. Dabei wurde ich immer verschlossener. Immer seltener fand ich Freude daran, aus dem Haus zu gehen und mich im Freundeskreis zu treffen. Während ich in einem Gefühl von Einsamkeit lebte, hatte ich gleichzeitig ein niedriges Selbstwertgefühl  Denn ich sah keine andere Möglichkeit: Ich sollte doch nach einer Beziehung zu einer Frau streben, so wie „alle“, selbst auf Teufel komm raus – andernfalls wäre ich unzulänglich, minderwertig. Meine Versuche, ein solches Streben in mir hervorzurufen, mit Gewalt und entgegen meinen Bedürfnissen, kosteten mich viel Frust, das sehe ich jetzt, wenn ich zurückschaue. Meine Anspannung entlud ich auf mir gut bekannte, sündige Arten. Und so verdarb ich mich selbst in meinen ungeordneten Verhaltensweisen.

Die Teilnahme an Therapien verschiedener Art bot mir Gelegenheiten, mich übermäßig auf mich selbst zu konzentrieren, was es mir nicht leichter machte, mich für einen anderen Menschen zu öffnen. Wobei die einen fragten: „Was fühlst du?“, während andere interessierte: „Wie sieht es mit deiner Abstinenz aus?“ Aber bis dahin hatte mir niemand erklärt, dass nicht jeder Mensch in einer Beziehung, in einer Ehe leben musste…

Genau in einem solchen Moment begegnete ich Frau Wanda Poltawska. Frau Doktor Poltawska machte mir meinen Egoismus bewusst. Sie ermunterte mich unter anderem, mich bei wohltätigen Aktivitäten für andere Menschen zu engagieren. Sie beriet mich auch hinsichtlich eines systematischen, von Disziplin geprägten sakramentalen Lebens. Sie betonte den Wert des Humors. Und sie wies mir auch eine sehr konkrete Aufgabe zu, die ich zu erfüllen hatte.

Es gibt diese Momente des Nachdenkens, da kommen solche „lichten Momente“: Wenn ich mich so verlieben kann, wenn ich diesen oder jenen Menschen begehren kann, warum kann ich dann nicht auch Jesus ersehnen? Mit meinem ganzen Ich, mit einem Körper, der  reagiert. Wo ist jetzt meine Fantasie geblieben?  Warum fällt es mir so schwer, diese wirkliche Vereinigung im Sakrament der Eucharistie zu ersehnen, wo Jesus ja Seinen Leib hingibt? Ihn ersehnen! Umso stärker, wenn ich wirklich glaube, dass Christus da ist und dass Er eine Person ist. Was hindert mich daran, mich so in Jesus zu verlieben, bis zur Verrücktheit?

Ich habe begonnen, das Auftreten von Freude und Humor als sensiblen Indikator für die Reife meiner Beziehungen zu anderen Menschen zu betrachten. Immer häufiger lautet die Lösung für mich: Bete für diese Personen, diese ganz konkreten, auf die du gestoßen bist, und deren „Bild des Begehrens“ du nun gerade unwillkürlich vor Augen hast. Oder für die, mit denen dich bisher die Sünde verbunden hat. Und so lerne ich, meine Vorstellungen auch zu sehen: Als ein sehr deutliches Zeichen Gottes, um meine Fantasien und die Faszination für eine Person in Gebet für sie zu verwandeln.

Was ist eigentlich leichter, frage ich mich: Für diese konkrete Person zu beten, oder hinzugehen und mit ihr körperlich zu verkehren?

Später dann stieß ich in den Werken von Frau Doktor Poltawska, die unermüdlich die Lehre des heiligen Johannes Pauls II. darlegt, auf folgenden Satz: „Ganz gleich, wohin du dich orientierst, ob nach links oder nach rechts, du sollst dich beherrschen, denn du bist ein Mensch – In den Aufzeichnungen von Frau Doktor Poltawska habe ich etwas gefunden, was ich bei keiner Therapie gehört habe: „Um einen zwischenmenschlichen Kontakt aufzunehmen, muss man zuerst verstehen, was es bedeutet, dass der Mensch eine Person ist, das heißt, welches Konzept du von dir selbst hast“, so die bekannte Stimme von Frau Doktor Poltawska, wie ich sie in einer der Aufnahmen hörte.

Es ist für mich eine Herausforderung, im anderen Menschen einen Bruder wahrzunehmen. Und seitdem ich die Gelegenheit hatte, diese im Internet veröffentlichten Worte von Doktor Poltawska zu hören: „Lehre deinen Körper, der Körper deines Bruders zu sein!“, widme ich dieser Sache immer mehr Aufmerksamkeit. Ich sehe, wieviel Anstrengung und Kampf nötig ist, um entgegen meiner sinnlichen Gewohnheiten die Menschen, denen ich begegne, so zu behandeln.

Der Herrgott selbst weiß in seiner Weisheit, wie sehr ich solche starken Worte brauchte, so einen „Tritt“. Es zeigte sich nämlich, dass ich viel mehr noch als eine Therapie einfach Erziehung nötig hatte.

Zuletzt sind mir auch die Worte zu Wegweisern geworden, die ich im Zeugnis von Frau Doktor Poltawska zu ihrem 90. Geburtstag hörte; sie mahnte und bat gleichsam, jeden Tag das Bewusstsein über den Tod wach zu halten: „Wenn du weißt, dass du morgen stirbst, dann ändert es dein Leben. Denn dann machst du heute nicht einfach irgendwas.“

Selbstbeherrschung, Reinheit, Mannhaftigkeit, Freundschaft sind für mich das, wonach ich streben will, auch wenn dies, wie ich heutzutage merke, ungeliebte Werte sind. Aus den Gesprächen, die ich mit einigen Psychologen führen durfte, ist mir eine bestimmte Dame in fortgeschrittenem Alter im Gedächtnis haften geblieben, die ähnlich wie Frau Doktor Poltawska die Konzentration auf jegliche „ismen“ verworfen und mir von den verschiedenen Arten der Liebe, und besonders vom Wert der Freundschaft zu erzählen begonnen hat, die zwar in der heutigen Zeit in eine Ecke gedrängt wird, früher aber, wie sie sich erinnert, die Aristokratin unter den verschiedenen Arten der Liebe war.

Einmal las ich an der Wand einer Kapelle die Worte: „Der Mensch kann sich nicht anders, als nur durch eine uneigennützige Gabe seiner selbst vollkommen finden“ Sie haben sich in meinem Gedächtnis verankert, und obwohl ich noch nicht vollkommen ihren Sinn verstehe, weiß ich doch sicher, dass ich diese Gabe meiner selbst auf zahlreiche Weisen verwirklichen kann. Diese Worte verstehen und an sie glauben: Das ist mein großer Gewinn. Und mögen sie mir den Weg für mein zukünftiges Handeln weisen.

Ich entdecke auch mein Konzept von Liebe – es sind diese Worte des Heiligen Vaters Johannes Pauls II.: „Nicht das, was du fühlst, ist Liebe, sondern das, wozu du dich entschließt.“ Das Bewusstsein darüber, dass ich fallen, aber auch wieder von Neuem beginnen kann, Ordnung in mein Leben zu bringen, ist an jedem Tag sehr stark in mir. Ich glaube keineswegs, dass ich es schon irgendwie schaffen werde, aber ich weiß, dass ich viel vermag – gestützt von der Gnade Gottes und von menschlichem Gebet.

„Mein Jesus, erlaube mir keine Wünsche, sondern gib mir den Mut und die Kraft, Deinen heiligen Willen zu tun“ (Tagebuch d. hl. Faustine, 663). Dieses Zeugnis sehe ich vor allem als Bitte um Gebet für mich – darum, dass ich meine Berufung erkenne und die Kraft finde, in meinem Leben den Willen Gottes zu erfüllen.

M. 

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