Warum ändert Jehova dauernd seine Meinung?

Autor: Mirosław Rucki

Gemäß der Lehre der „Zeugen Jehovas“ verhält es sich so, dass nur sie Zutritt zur Wahrheit haben, nur sie wissen, was Jehova zu einem bestimmten Thema denkt, und nur sie erfüllen immer genau und kompromisslos seinen Willen. Wenn es tatsächlich so wäre, dann müssten wir annehmen, dass Jehova launisch, inkonsequent und unentschlossen ist. Es sieht aber vielmehr so aus, dass die „Zeugen Jehovas“ weit von der Wahrheit entfernt sind und keine Ahnung von der wahren Natur Gottes haben, den wir durch die Bibel und die Lehre der Kirche kennenlernen können.

Die unfehlbare Interpretation der „Bestie“

Die Lehre der Wachtturm-Gesellschaft kann durch ihren Radikalismus anziehend wirken. Doch im Gegensatz zu den „Theologen“ aus Brooklyn war Jesus vom Anfang bis zum Ende konsequent und hat Seine Meinung niemals geändert: Das, was Er für eine Sünde hielt, blieb für Ihn Sünde für immer, und was Er für eine Tugend hielt, blieb immer eine Tugend.

Leider gibt es bei den „Zeugen Jehovas“ so etwas wie eine konsequente Erkenntnis der Wahrheit gar nicht. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist ihre Interpretation der Gestalt, die in der Apokalypse (Offb 17, 3-6) als Bestie bezeichnet wird. Seit dem Jahre 1942 verbreitet die Wachtturm-Gesellschaft die Ansicht, dass der vom Geist geführte Verfasser in dem Bild der Bestie die Liga der Nationen „verschlüsselt“ dargestellt hat, die später zur UNO wurde. Den Beweis für die Identität dieser Bestie sollte die folgende Prophezeiung liefern: „Das Tier, das du gesehen hast, war einmal und ist jetzt nicht; es wird aber aus dem Abgrund heraufsteigen und dann ins Verderben gehen“ (Offb 17,8). Diese Prophezeiung erfüllte sich angeblich im Jahre 1942, als „die Liga der Nationen sich in den Abgrund der Tatenlosigkeit stürzte“. Dann entstieg sie diesem Abgrund als die UNO, die den unfehlbaren Zeugen Jehovas zufolge eine „blasphemische Imitation des messianischen Gottesreiches“ darstellt (nach Raymond Franz: Der Gewissenskonflikt).

Problematisch daran ist, dass die Wachtturm-Gesellschaft im Jahre 1991 einen Antrag bei der Abteilung für öffentliche Informationen der UNO stellte und als regierungsunabhängige Organisation anerkannt wurde. Ein von P. Hoeffel unterschriebenes, offizielles Dokument bestätigt, dass „diese Organisation sich dazu bereit erklärt hat, die Kriterien der UNO zu erfüllen. Dazu gehört es, dass man die Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen unterstützt und respektiert.“ Betrachtet man dies im Licht der früheren Lehren der Wachtturm-Gesellschaft, dann muss man feststellen, dass sie an der „Hurerei“ teilnimmt und zu einer Institution wurde, die die dämonische und blasphemische „Weltordnung“ unterstützt, welche durch die apokalyptische Bestie repräsentiert wird.

Am interessantesten ist jedoch die Tatsache, dass im Jahre 2001, also zehn Jahre später, die Wachtturm-Gesellschaft um die Beendigung ihrer Mitgliedschaft in der UNO bat. Wäre ich ein „Zeuge Jehovas“, würde ich mir ehrlich überlegen, ob es sich lohnt, Lehrern zu vertrauen, die mir die „einzig richtige“ Interpretation der Heiligen Schrift aufzwingen, ohne sich selber daran zu halten, und die immer wieder ihre Meinung ändern. Und dabei tun sie so, als wäre nichts geschehen.

Die Lehre über das Kreuz

Die offizielle Lehre der „Zeugen Jehovas“ über das Kreuz Christi widerspricht sich selbst und führt dazu, dass man diese Sekte als absolut nicht vertrauenswürdig bezeichnen muss. Über die historischen und archäologischen Beweise dafür, dass Jesus Christus am Kreuz starb, und nicht an einem Pfahl, habe ich schon früher geschrieben. Ich möchte hier deshalb nur die Zeugnisse altertümlicher Autoren wie Justinus des Märtyrers (um 135 n.Chr.), des Minucius Felix (um 160 n.Chr.) sowie des Tertullian (um 195 n. Chr.) erwähnen. Auch die archäologischen Ausgrabungsstätten sprechen eine deutliche Sprache: das aufgefundene Skelett eines Menschen mit dem Namen Jochanan, der in den Zeiten Christi gekreuzigt wurde, die Kreuzzeichen auf den christlichen Gräbern aus dem 1. und 2. Jahrhundert n. Chr., die in den Katakomben auf dem Ölberg gefunden wurden, Malereien aus dem 3. Jahrhundert, die den ans Kreuz genagelten Christus darstellen. Dies alles sollte jedem zu denken geben, der die Versicherung über den Tod Christi am Pfahl liest, die seit dem Jahre 1969 durch die Wachtturm-Gesellschaft im Bibeltext der Kingdom Interlinear Bible herausgegeben wird. Dort heißt es auch, dass „zukünftige archäologische Entdeckungen ganz sicher die Richtigkeit dieser Lehre bestätigen werden.“ Dabei bestätigen gerade archäologische Entdeckungen, dass die „Zeugen“ sich im Irrtum befinden und auch andere irreleiten.

Ich möchte hier jedoch noch auf etwas anderes eingehen, nämlich auf die unfehlbare Lehre, die, sollte sie wirklich unfehlbar sein, konsequent und in sich stimmig sein müsste.

Der Gründer und erste Vorsitzende der Gesellschaft, Ch. T. Russel, benutzte als Symbol für die Herrschaft Jesu ein von einer Krone umgebenes Kreuz. Dieses Symbol wurde auf dem Titelblatt des „Wachtturms“ bis zum Jahre 1931 abgebildet. Im Jahre 1919 kam das Buch Russels  Der göttliche Plan der Zeitalter heraus, wo eine Prophezeiung ausgesprochen wird: „Wie in den Erntezeiten des Jüdischen Jahrhunderts (also im ersten Jahrhundert des Christentums) das Kreuz Christi für die Juden ein Stein des Anstoßes war und für die gelehrten Griechen eine Torheit, so wird es auch in der Erntezeit des Jahrhunderts des Evangeliums zu einem Stein des Anstoßes und der Beleidigung werden.“

In dem im Jahre 1928 erschienen Buch Versöhnung schreibt J.F. Rutherford: „Dass dieses Kind aus der Jungfrau Maria geboren ward, in Bethlehem zum Mannesalter heranwuchs und dann am Kreuz in Jerusalem starb, beweist nicht nur die biblische Feststellung, sondern auch die weltliche Geschichtsschreibung.“ Derselbe Verfasser schreibt jedoch ein paar Jahre später in seinem Buch Reichtum: „Jesus wurde nicht an einem Kreuz aus Holz gekreuzigt, wie es auf vielen Bildern und Darstellungen gezeigt wird, die von Menschen gemacht und ausgestellt wurden. Jesus wurde vielmehr so gekreuzigt, dass man seinen Körper an einen Pfahl nagelte.“

Natürlich kann man auch annehmen, dass die unfehlbare Wachtturm-Gesellschaft sich irrte und im Jahre 1936 die Wahrheit erkannt hatte. Die Schwierigkeit besteht hierbei jedoch nicht nur darin, dass diese „Wahrheit“ den Tatsachen widerspricht, für die Archäologie und Geschichte die Beweise liefern. Richtig problematisch ist vielmehr die Deklaration der Wachtturm-Gesellschaft, die sich zu den „Feinden des Kreuzes Christi“ zählt und für die das Kreuz zu einem „Stein des Anstoßes“ geworden ist, ganz in Übereinstimmung mit der Voraussage des eigenen Gründers! Es mussten sich also Russel oder Rutherford, oder aber ihre Nachfolger geirrt haben, vielleicht auch sie alle zusammen, denn es können ja nicht alle gleichzeitig Recht haben. Im Jahre 1995 konnte man in der polnischen Mai-Ausgabe des Wachtturms lesen: „Das Folterwerkzeug, an dem Jesus hang und starb (…), sollte uns mit Abscheu erfüllen“ (Seite 20).

Interessanterweise kann man auf derselben Seite auch den folgenden Satz finden: „Aber es existiert doch nicht so etwas wie eine halbe Treue. Entweder jemand ist treu oder er ist es nicht.“ Dies kann man nur bestätigen, und deshalb kann man eine inkonsequente Lehre nicht gutheißen: Entweder man entdeckt die Wahrheit und lehrt sie, oder man ist im Irrtum befangen. Man kann nicht nur ein wenig irren, denn wenn jemand teilweise irrt, dann irrt er schon allgemein. Wie kann man sagen, dass jemand unfehlbar ist und die Wahrheit erkannt hat, wenn er zunächst das Kreuz Christi verehrt und lehrt, dass es in den Endzeiten ein „Stein des Anstoßes“ sein werde, dann aber entgegen den bekannten Fakten verkündet, dass das Kreuz Christi nie existiert hätte, und schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass das Kreuz als Leidenswerkzeug Christi Abscheu erregen sollte?

Ganz sicher kann man diesen Wankelmut nicht Jehova zur Last legen, den die „Zeugen“ für alle ihre Fehler verantwortlich machen. Dabei behaupten sie jedes Mal, dass ihre Lehre vollkommen mit seinem Willen übereinstimmt. Würde tatsächlich Jehova seine „Zeugen leiten“, so müsste man annehmen, er sei sehr unbeständig und unentschieden und würde sich weder in der Bibel noch in der Geschichte, und ebenso wenig in der Moral und der einfachen, menschlichen Logik auskennen.

Vorhersagen und Vermessenheit

Ich möchte noch einmal auf das Buch von R. Franz Der Gewissenskonflikt zurückgreifen, um zu zeigen, in welchem Grad unerfüllte Vorhersagen die Belange von Millionen von Menschen beeinflussen können.

Am 01.April 1972 veröffentlichte der Wachtturm in der englischen Ausgabe einen Artikel mit dem Titel „Sie werden erkennen, dass der Prophet unter ihnen war“. Der Text vertritt die Meinung, dass Jehova in den heutigen Zeiten einen Propheten gesandt hat, der „zukünftige Dinge voraussagt“. Den Verfassern des Artikels zufolge „weisen die Fakten daraufhin, dass solch ein Prophet existiert“. Am 01. Mai 1997 erläuterte der Wachtturm: „Der Gott Jehova lässt seine wahren Abgesandten erkennen. (…) Er kann auch die falschen Abgesandten entlarven. Wie bringt er dies zustande? Er vereitelt ihre Zeichen und Prophetien. Damit beweist er, dass (…) ihre Botschaften sich auf falsches Verständnis, Dummheit und fleischliche Denkweise stützen“ (S.8).

In der Lehre der „Zeugen Jehovas“ ist das Jahr 1914 ein Schlüsseldatum. Darauf stützen sich in hohem Maße die Doktrin und die Machtstruktur dieser Organisation. Heutzutage lehrt man bei den „Zeugen Jehovas“, dass seit dem Jahre 1914 Jesus zwar „anwesend“, aber unsichtbar ist; dass das Weltgericht bereits seinen Anfang genommen hat; dass Jesus bereits offiziell das Königreich übernommen und aktiv über die Erde zu herrschen begonnen hat; dass ab diesem Jahr die „letzten Tage“ begonnen haben; dass drei und einhalb Jahre später (also im Jahre 1918) die Auferstehung der gesalbten Christen begonnen hat, und dass Jesus unter den „Zeugen Jehovas“ eine sogenannte Klasse der treuen und klugen Sklaven auserwählt hat. Diese Klasse stellt den einzigen Informationskanal dar, durch den Jesus seine Zeugen auf der ganzen Welt erleuchtet. Würde man das Jahr 1914 aus der Doktrin der „Zeugen Jehovas“ streichen, so hätte dies den Zusammenbruch der ganzen Lehr – und Organisationsstruktur der Wachtturm-Gesellschaft zur Folge.

Und doch wissen nur wenige „Zeugen Jehovas“, dass seit dem Jahre 1879 bis zum Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts die im Wachtturm veröffentlichten Prophezeiungen für jeden dieser Wendepunkte immer wieder ein anderes Datum angegeben haben. Unter anderem lehrte man im Jahre 1929, dass die unsichtbare Gegenwart Christi auf der Erde schon im Jahre 1874 begonnen habe. Ein paar Jahre lang behauptete die Wachtturm-Gesellschaft, dass die offizielle Herrschaft Christi im Jahre 1878 ihren Anfang genommen hat (erst im Jahre 1922 wurde dieses Ereignis auf das Jahr 1914 „verschoben“). Ein halbes Jahrhundert lang lehrte der „Wachtturm“, dass die „letzten Tage“ im Jahre 1799 begonnen haben. 40 Jahre lang wurde den Lesern eingetrichtert, dass die Auferstehung der auserwählten Christen im Jahre 1881 begonnen habe. Seit seinem Beginn verkündete der „Wachtturm“, dass es im Jahre 1914 zu einer Zerstörung aller weltlichen Institutionen kommen sollte, was, wie wir alle sehen, nicht eingetroffen ist.

Und wieder besteht das Problem nicht darin, dass jemand sich bei der Berechnung geirrt hat. Das Schlimmste ist, dass man jeden, der mit diesen Berechnungen nicht einverstanden war, verunglimpft hat. Die o.g. Daten wurden als etwas ungemein Wichtiges angesehen, und man stellte die Rechtgläubigkeit derjenigen infrage, die diese Prophezeiungen anzweifelten. Man bezeichnete diese Zeitangaben als „göttliche Daten“, die man für eine „gut festgestellte Wahrheit“ hielt, die „definitiv so in der Heiligen Schrift bestimmt sei“.

Zusammenfassung

Wir können nun feststellen, dass die „Zeugen“ sich selbst ein Eigentor geschossen haben. Wenn nämlich der „Wachtturm“ uns davon zu überzeugen versucht, dass Gott falsche Prophezeiungen entlarvt und damit auch die Dummheit der selbst ernannten Propheten bloßstellt, dann müssen wir konsequenterweise anerkennen, dass derselbe „Wachtturm“ uns eine ganze Menge unerfüllter Prophezeiungen und falscher Voraussagen liefert.

Wir müssen ebenfalls zugeben, dass ein Mensch, der die Prophezeiungen des „Wachtturms“ annimmt und sein Leben danach ausrichtet, nicht nur einen Fehler begeht, sondern den eigenen Blick auf das Leben und die Welt verunstaltet, um dann angesichts der Realität bitter enttäuscht zu werden.

M. Rucki

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