Liebe und vergebe immer

Autor: Pater Mieczysław Piotrowski SChr

Wenn wir wollen, dass Gott uns in seiner unendlichen Barmherzigkeit alle unsere Sünden vergeben kann, dann müssen wir Ihm dies ermöglichen, indem wir selbst allen alles vergeben und in unseren Herzen keinen Groll gegenüber irgendjemandem hegen.

Jacek Szwarc hat sich während seiner Zeit in einem Konzentrationslager der Nazis einmal bei einem der Lagerkapos unbeliebt gemacht, der ihn zur Strafe dafür mit sadistischer Wut zu treten und mit einer Peitsche zu schlagen begann. Jacek betete während dieses grausamen Auspeitschens im Geiste für seinen Peiniger. In einem bestimmten Augenblick hatte er eine Vision der Geißelung Christi. Unter dem Eindruck dieser Schauung wurde Jaceks Herz mit so großer Liebe und Mitleid für seinen Verfolger erfüllt, dass er sich mit den Worten „Ich liebe dich” an ihn wandte.  Diese Worte schockierten den Lagerkapo dermaßen, dass er aufhörte, den Gefangenen zu schlagen. Er fing an, ihn eingehender zu betrachten. Was er sah, versetzte ihn in Erstaunen. Vor seinen Augen begannen die blutenden, frischen Wunden, die er dem Gefangenen soeben zugefügt hatte, zu vernarben und zu heilen. Als er dies sah, erfuhr er eine geistige Erschütterung. Dieser Sadist und Mörder begriff, über welch große geistige Kraft ein Mensch verfügt, wenn er liebt und vergibt.

Der Psychiater George Ritchie, Autor des Buches Return from Tomorrow, hat die Geschichte des „Wilden Bills“ niedergeschrieben,  - des Gefangenen eines Konzentrationslagers, der jedem mit großer Freundlichkeit  begegnete und seine Mitgefangenen von der Notwendigkeit überzeugte und sie dazu anhielt, allen alles zu verzeihen. Bill stach durch ungewöhnliche Energie und Lebensfreude hervor, er half selbstlos anderen, insbesondere als Übersetzer, denn abgesehen von seinen Polnischkenntnissen sprach er auch fließend Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch. „Es ist nicht leicht zu verzeihen”, sagte George eines Tages zu ihm. „So viele von uns haben alle ihre Angehörigen, ihre Familien verloren.” Da erzählte Bill seine Lebensgeschichte: „Wir lebten in einem jüdischen Stadtteil Warschaus, ich, meine Frau, zwei Töchter und drei kleine Söhne. Als die Deutschen auf unsere Straße kamen, stellten sie alle an eine Mauer und begannen, mit Maschinengewehren zu schießen. Ich flehte sie an, dass sie mir erlauben sollten, zusammen mit meiner Familie zu sterben, aber da ich Deutsch sprach, nahmen sie mich in die Gruppe derer mit, die zum Arbeiten bestimmt waren. Da musste ich mich entscheiden, ob ich mich von dem Hass gegenüber den Soldaten, die schossen, einnehmen lasse. Dies wäre sicherlich die einfachste Entscheidung gewesen, aber da ich Jurist war, konnte ich in meiner Praxis recht häufig beobachten, welche geistige und körperliche Verwüstung Hass den Menschen zufügt. Es war Hass, der diese sechs Menschen tötete, die mir alles auf der Welt bedeuteten. Ich beschloss damals, für den Rest meines Lebens - ob das nun einige Tage oder viele Jahre sein würden - jeden Menschen zu lieben, dem ich begegnen würde ...“

Man muss hervorheben, dass Bill nur deswegen das Böse durch die Kraft der Liebe bekämpfen konnte, weil er an die Worte des Vater unsers glaubte: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Die Fähigkeit zur Vergebung und Liebe gegenüber jedem Menschen, auch gegenüber seinen Verfolgern und Feinden, schöpfte Bill aus seinem lebendigen Glauben an Gott. Durch das tägliche Gebet und die Vereinigung mit Gott konnte er seinen Nächsten vergeben und sie mit jener Liebe lieben, mit der Gott ihn liebte. Er lebte gemäß dem neuen Gebot, das uns Jesus hinterlassen hat: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34).

Durch die Kraft der Liebe und der Vergebung hat Jesus Christus in seinem Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung den größten Hass und die Sünden aller Menschen überwunden. Auf diese Weise lehrt Er uns, dass Liebe und Vergebung die einzigen Waffen im Kampf gegen das Böse sind.

In der Frage der Vergebung ist Jesus kompromisslos, denn es gibt keine Ausnahmen und außerordentlichen Situationen, die mangelnde Vergebung rechtfertigen würden. Allen alles von Herzen zu vergeben, gegen niemanden Groll zu hegen oder ihm Vorwürfe zu machen bedeutet, das Böse nicht mit dem Menschen gleichzusetzen, der es verursacht hat. Böses, Sünde, Hass muss man mit Abscheu verwerfen - und das ist der Hauptgrund, weshalb man immer jedem Menschen vergeben muss, ihn immer akzeptieren und lieben muss. Den Sünder zu lieben, den Schuldigen, jemanden, der mir großes Leid zugefügt hat, bedeutet, dass obwohl bei seinem Anblick spontan ungewollte Gefühle in mir aufkommen können, ich ihm doch durch die Entscheidung meiner Willenskraft von ganzem Herzen vergebe, das heißt, ich bete um das größte Wohl dieses Menschen, und das ist seine Versöhnung mit Gott. Dies ist der erste Schritt der Vergebung. Der zweite Schritt besteht darin, dass ich im Gebet Gott ehrlich bitte, mich von meinen Gefühlen der Antipathie, des Zorns, des Hasses, sowie von Vorwürfen zu befreien, sowie, dass Er meine geistigen Wunden und Verletzungen heilen möge. Man muss bedenken, dass – wie die hl. Edith Stein schreibt – „Antipathie, Zorn und Verletzungen die Tür vor dem Erlöser zuschlagen.” Wer nicht verzeihen will, lebt in der Finsternis, das heißt, er begibt sich freiwillig unter die Herrschaft der dunklen Mächte des Bösen. „Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder hasst, [das heißt, wer in sich Groll oder Widerwillen gegenüber seinem Nächsten hat] ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht und kann nicht fehl gehen. Wer aber seinen Bruder hasst, ist in der Finsternis. Er geht in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht; denn die Finsternis hat seine Augen blind gemacht” (1 Joh 2,9-11).

Über die Liebe zu einem Menschen, der mir Unrecht getan hat und mein Feind ist, entscheiden nicht meine Gefühle, sondern mein Wille. Lieben bedeutet, das Böse abzulehnen, den Menschen aber immer zu akzeptieren, ihm zu verzeihen, sein Wohl zu wollen und das zu tun, was für ihn das Beste ist, sich nicht auf seine eigenen Erfahrungen zu konzentrieren.

Ein Christ ist dazu verpflichtet, so zu lieben und zu vergeben, wie Christus es tut. Das heißt, er soll immer alle Menschen lieben und ihnen oder den Institutionen vergeben, die ihn auf irgendeine Weise verletzt und unrecht behandelt haben, aber er sollte auch sich selbst vergeben, so wie Christus vergibt. In dieser Hinsicht sind die Anweisungen Jesu eindeutig: „Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal” (Mt 18,21-22). Das heißt: immer.

Im Gleichnis über den unbarmherzigen Schuldner (Mt 18,21-35) macht uns Jesus bewusst, woher die Pflicht und die Notwendigkeit zur Vergebung gegenüber unseren Schuldigern rühren. Ein König erbarmte sich und erließ seinem Diener die Schuld von zehntausend Talenten, was in etwa 342.720 Kilogramm Gold entspricht. Wenig später traf dieser Diener, dem eine so gewaltige Schuld erlassen worden war, seinen Freund, der ihm nur 100 Denare schuldete (der Lohn für einen Tag Arbeit betrug einen Denar). Nicht nur erwies er ihm keinerlei Barmherzigkeit, sondern er fing an, ihn gnadenlos zu würgen, und sagte: „Bezahl, was du mir schuldig bist!“ Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: „Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.” Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: „Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt (vgl.  t 18,28-35).

Fehlende Vergebung verschließt das menschliche Herz vollständig gegenüber Gottes Barmherzigkeit und bewirkt, dass der Mensch sich freiwillig in die Sklaverei der Mächte des Bösen begibt, die ihn schrecklichen geistigen Torturen unterziehen: dem Zorn, der Rachsucht und dem Wunsch nach Vergeltung, einem ständigem Selbstmitleid, unaufhörlichen Klagen und Gefühlen der Verletztheit und des Grolls. Eine solche Haltung führt dazu, dass sich der Mensch vollkommen für Gottes Liebe verschließt, sie führt aber auch zu verschiedensten somatischen, nervösen und sogar psychischen Krankheiten. Man wird nur dann die volle Gesundheit wiedererlangen und sich aus dieser schrecklichen Gefangenschaft durch die Mächte des Bösen befreien, wenn man seinen Schuldigern von Herzen vergibt und sich vertrauensvoll der Barmherzigkeit Gottes überlässt.

Charlie Osburn, ein bekannter amerikanischer Evangelist, beschreibt seinen Weg des Heranreifens zu einer Haltung der Vergebung von allem gegenüber allen so: „»Ich komme, um dich um Vergebung zu bitten, weil ich dich in den letzten acht Jahren gehasst habe« - das Aussprechen dieser Worte war eines der schwierigsten Dinge, die ich in meinem Leben gemacht habe. Diese Worte waren an meinen allernächsten Nachbarn gerichtet, den ich die letzten acht Jahre hindurch von ganzem Herzen gehasst hatte. Oft war ich nachts aufgewacht und hatte darüber nachgedacht, auf welche Weise ich ihn töten könnte. Ich malte mir verschiedene Szenarien aus, wie zum Beispiel dass ich eine Bombe in seinem Auto legen, einen Auftragskillers anheuern oder sein Haus mitten in der Nacht anzünden könnte. Der Hass, den ich für ihn fühlte, trug in hohem Maße dazu bei, dass ich alkoholabhängig wurde. Der Drang nach Rache und das Trinken führten bei mir zu Bluthochdruck, ich bekam einen Leistenbruch und andere ernsthafte Gesundheitsprobleme. Gesundheitlich wurde ich zu einem menschlichen Wrack. Warum ich meinen Nachbarn so sehr hasste? Nun, es war herausgekommen, dass er viele Male meinen Sohn und meine Tochter sexuell missbraucht hatte. Er hatte damit begonnen, als mein Sohn acht Jahre alt war und meine Tochter sechs, und er missbrauchte sie zwei Jahre lang, bis meine Frau und ich dies gemeinsam herausfanden. Ich dachte an meine Kinder, die von diesem Perversen ihrer Würde beraubt und geschändet worden waren. Dies war die Hauptursache meines spontanen, reinen Hasses gegenüber meinem Nachbarn. Ich dachte ganz ernsthaft daran, ihn umzubringen, verwirklichte diese Absichten allerdings aus einem einfachen Grund nicht: Ich hatte Angst davor, ins Gefängnis zu gehen. Nur die Angst vor dem Gefängnis bewahrte mich davor, einen Mord zu begehen. Als ich schließlich von meinen Plänen abließ, meinen Nachbarn zu töten, baute ich zwischen seinem und unserem Haus einen acht Fuß hohen Zaun, weil ich ihn nicht anschauen konnte. Allein der Anblick seiner Person rief bei mir Magenschmerzen hervor. Ich war sicher, dass ich ihm das alles niemals verzeihen würde, denn schließlich hatte er meinen Kindern etwas so Schreckliches angetan. Die Tatsache, dass ich auf das alles mit Hass reagierte, kam mir ganz natürlich vor. Als ich mein Leben Jesus übergab, begann mich Pfarrer Jim Smith über Vergebung und bedingungslose Liebe zu lehren. Er zeigte mir Texte der Hl. Schrift, die vom Gebot der Liebe gegenüber jedem Menschen sprechen, sowohl dem, der uns Gutes tut, als auch dem, der uns Leid zufügt. »Herr Pfarrer, Sie wollen behaupten, dass ich einen Menschen lieben soll, der meine Kinder missbraucht hat?«, fragte ich ihn ungläubig. »Kann man jemanden lieben, der nur eine furchtbare Karikatur eines Menschen ist und zwei kleine Kinder verletzt hat, die das Eigentum Gottes sind? Allein der Gedanke, so jemandem zu verzeihen, ist für mich unannehmbar, und die Aufforderung, ihn zu lieben, macht mich ganz krank.“ Pfarrer Jim gab jedoch nicht auf und zitierte Charlie Texte aus der HL. Schrift, die davon sprachen, dass unseren Schuldigern zu vergeben, eine unerlässliche Bedingung dafür ist, dass auch Gott uns unsere Sünden vergeben kann: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt 6,14-15).

Charlie begann langsam zu verstehen, dass Jesus von uns bedingungslose Vergebung und Liebe gegenüber unseren Feinden fordert (vgl. Lk 6,27-28). Ihm wurde bewusst, dass er kein Jünger Christi sein konnte, wenn er seinem Nachbarn nicht von Herzen verzieh. Obwohl ihm seine Gefühle etwas anderes sagten, überwand er sich und verzieh seinem größten Feind im Gebet durch einen Willensakt. Der nächste Schritt lag bei Gott. Drei Monate später trat jener Nachbar im Supermarkt an Charlies Frau heran. Er holte ein Exemplar des Neuen Testaments hervor und sagte, er sei zur Beichte gegangen, habe sein Leben Christus übergeben und sei zur Katholischen Kirche zurückgekehrt, die er vor vielen Jahren verlassen hatte. Nun wolle er Charlie und seiner Frau dafür danken, dass sie ihm verziehen hatten. Drei Wochen später starb dieser Mensch.

Wenn wir wollen, dass Gott der Herr in seiner unendlichen Barmherzigkeit uns alle unsere Sünden vergeben kann, dann müssen wir ihm dies ermöglichen, indem wir selbst allen alles vergeben und gegen niemanden Groll im Herzen tragen. Man muss Christus von ganzem Herzen bitten, dass Er uns lehrt, einander gegenseitig zu verzeihen, unsere Feinde zu lieben und füreinander Brüder zu sein. Damit wir - wie es der hl. Johannes vom Kreuz lehrte - „in jedem Augenblick die Liebe dorthin tragen können, wo keine Liebe ist, um Liebe zu schöpfen“ (Brief an Maria von der Fleischwerdung, 6.VII. 1591).

 

Damit Deine guten Wünsche für andere zu Weihnachten Ausdruck authentischen Wohlwollens, echter Liebe und Vergebung sind, geh zunächst zur Beichte und bekenne Jesus alle deine Sünden, dann bete um die Gabe der Vergebung, die allen alles verzeiht:

"Herr Jesus, ich bitte Dich um die Gnade der Vergebung gegenüber all jenen, die mir Unrecht getan und Leid zugefügt haben (nenne die Namen dieser Menschen).   Bitte schenke mir die Gnade der bedingungslosen Vergebung für (nenne den Namen der Person), dem (der) zu verzeihen mir am schwersten fällt. Herr Jesus, durch die Kraft deiner verzeihenden Liebe, mit der Du uns von der Höhe Deines Kreuzes aus umfängst, durch diesen Akt meines Willens und aus tiefstem Herzen verzeihe ich (sprich den Namen jener Person aus) alles Leid, das er (sie) mir zugefügt hat. Segne ihn (sie) und führe ihn (sie) zum Himmel.   Herr Jesus, auch ich bitte alle jene Menschen um Vergebung, die ich auf irgendeine Weise verletzt habe. Ich danke Dir, Herr, dass Du mich nun von diesem großen Übel befreist, welches das Nichtverzeihen ist. Möge Dein Heiliger Geist mich mit dem Licht der Liebe und des Friedens erfüllen, möge Er mein Gefühle und alle Wunden meines Herzens heilen. Amen."

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