Die Bekehrung von Malcolm Muggeridge

Autor: ks. Mieczysław Piotrowski TChr

Der Eintritt Malcolm Muggeridges in die katholische Kirche im Jahr 1982 fand ein breites Echo in den Massenmedien. War er doch einer der berühmtesten englischen Journalisten und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, auch viele Fernsehprogramme gehen auf ihn zurück.

Malcolm Muggeridge war ein echter Star der „kleinen Leinwand“ und gleichzeitig ein außergewöhnlich brillanter Schriftsteller, vergleichbar mit G.K. Chesterton und C.S. Lewis. Die Bekehrung von Malcolm Muggeridge war kein plötzliches Ereignis wie die Bekehrung des heiligen Paulus, sondern die Krönung einer langen Suche nach der Wahrheit. Muggeridge stellte selbst fest, dass er bis zu seinem Eintritt in die katholische Kirche unablässig „gegen etwas ankämpfte, von dem er wusste, dass es ihn letztendlich bezaubern und erobern würde“ …

Kindheit

Malcolm Muggeridge kam am 24. März 1903 in London zur Welt. Sein Vater war Agnostiker, Mitbegründer der Independent Labour Party und der Fabian Society. In Malcolms Familie wurde das Christentum durch die Religion des sozialistischen Fortschritts ersetzt. Seine Eltern waren der Meinung, dass sie Gott nichtbrauchten. Malcolm übernahm von seinem Vater die Überzeugung, dass es möglich wäre, ein sozialistisches Paradies auf Erden zu schaffen, eine gerechte, friedliche und wohlhabende Gesellschaft.

Als Junge besorgte sich Malcolm ohne das Wissen seiner Eltern eine Bibel und las sie im Geheimen, so als ob es sich um ein verbotenes Buch gehandelt hätte. Er las das Evangelium mit glühenden Wangen, aber so, dass es keiner merkte. Als er die biblischen Texte las, entdeckte er eine neue, geheimnisvolle Welt, eine große geistige Tiefe und Ermuntigung. Er unterstrich einige Sätze, las die Heilige Schrift sogar im Bett. Malcolm hielt sich bei einigen Fragmenten auf, die ihn besonders berührt hatten, meistens handelte es sich um die Beschreibungen des Leidens und Sterbens Jesu Christi. Ein anderes Buch, welches in dieser Zeit einen großen Eindruck auf ihn machte, war die Göttliche Komödie von Dante Alighieri.

Cambridge

Malcolm studierte am Selwyn College in Cambridge. Er schloss dort Freundschaft mit dem älteren Kleriker Vidler, der eine einflussreiche Persönlichkeit am College war. Ihre Freundschaft hielt bis zum Tod. Aufgrund dieser Freundschaft konnte Malcolm zwei Semester lang im Kloster des anglikanischen Ordens vom Guten Hirten wohnen. Dies war eine Zeit, in der er ganz besonders die Gemeinschaft der Kirche erfuhr. Die täglichen Verpflichtungen wurden vom Breviergebet, der Eucharistie, dem Lernen und von Arbeiten im Garten unterbrochen. Malcolm suchte verzweifelt nach Hilfe in Glaubensfragen. Er wollte wissen, was der Glaube ist und wie man ihn erlangen kann. Im eifrigen Gebet bat er um ein sichtbares Zeichen für das ewige Leben, aber er bekam keines. Er wusste nicht, dass der Glaube ein schwieriger und schmerzhafter Weg ist, auf dem man alles Böse, das den Menschen versklavt und die Erfahrung der geistigen Welt verhindert, hinter sich lassen muss. Diese kurze religiöse Erfahrung bewirkte jedoch, dass Malcolm verstand, „dass die Wege der Enthaltsamkeit zum Glück führen. Die Nachsichtigkeit sich selbst gegenüber aber, besonders im Bereich der Sexualität, führt zum Unglück und zu Gewissensbissen. Was für eine Freude entsteht im Herzen, wenn man die weltlichen Ambitionen, die Ausschweifungen, die lauten egoistischen Begierden verwirft. Was für ein Leid, wenn der Mensch ihnen nachgibt …“

Der Verlust des Glaubens

Zum Ende des Studiums hin verlor Muggeridge seinen Glauben und wendete sich vom Christentum ab. Die Wissenschaft wurde seine Ersatzreligion. Nachdem er sein Studium beendet hatte, bekam Malcolm den Vorschlag, als Lehrer in Indien zu arbeiten. Er fuhr dorthin, konnte aber den Fragen nach dem endgültigen Sinn des Lebens nicht entfliehen. Die Bekanntschaft des Hinduismus, Buddhismus und des Islams vertiefte nur seinen Respekt für die Größe und Tiefe des Christentums. Im Jahre 1926 schrieb Muggeridge in einem Brief an seinen Vater: „Das Christentum umfasst alles und bedeutet für das Leben dasselbe, was Shakespeare für die Literatur bedeutet.“ In dieser Zeit faszinierten Muggeridge die Bücher Chestertons über den heiligen Franziskus und die Grundlagen des Glaubens (u.a. Orthodoxy). Muggeridge schrieb, dass er Jesus liebt, aber die Institution Kirche nicht leiden kann, weil sie „die lebendige Schönheit Gottes tötet.“ In Wirklichkeit aber vertraute er nicht Christus, sondern den sozialistischen Ideen.

Im Jahre 1927 kehrte Muggeridge nach England zurück und begann, als Lehrer in Birmingham zu arbeiten. Er war damals fest davon überzeugt, dass der Mensch in der Lage sei, innere Harmonie und Glück in einem sozialistischen Staat zu erlangen. „Ich bin ein Sozialist“, schrieb Muggeridge,“weil ich daran glaube, dass entsprechende Bedingungen dazu beitragen, dass der Mensch gut wird, und nur der Kollektivismus schafft solche Bedingungen.“ Kurz danach bekam Muggeridge ein Arbeitsangebot in Kairo und fuhr mit seiner Ehefrau dorthin. In der Hauptstadt Ägyptens begann Malcolms journalistische Karriere als Korrespondent für den Manchester Guardian.

Verliebt in die Enthaltsamkeit

Malcolm Muggeridge heiratete Kitty Dobbs im Sommer 1927, allerdings nur standesamtlich. Seine Frau stammte aus einer wohlhabenden Familie und teilte dieselben sozialistischen Ideen wie Malcolm. Beide hielten sich für emanzipierte Personen, die sich von allen religiösen Beschränkungen und Vorurteilen befreit hatten. Deshalb war auch ihre Eheschließung ein partnerschaftliches Abkommen, welches man jederzeit auflösen konnte. Ihre Ansichten über Sexualität waren ultraliberal. Erst nach vielen Jahren verstanden beide, dass das egoistische Streben nach sexuellen Vergnügungen, welches zu vielen Seitensprüngen geführt hatte, die Ursache für das große Leid war, welches sie sich gegenseitig und auch ihren Kindern angetan hatten. Wenn Malcolm seine Frau betrog, dann fühlte er sich immer sehr schuldig. Er verachtete seine egoistischen Verhaltensweisen und sehnte sich nach der Reinheit des Herzens. Er schrieb, dass wenn man der sexuellen Begierde nachgibt, man sich eigentlich auf der egoistischen Suche nach Glück befindet, welches wie „ein junges Reh ist, schön und wendig. Wenn man ihm nachjagt, wird es zu einem armen, verängstigten Opfer, wenn man es tötet – wird es zu stinkendem Fleisch.“

Den größten Teil seines Lebens hindurch kämpfte Malcolm gegen die fleischlichen Begierden an. Während dieses geistigen Kampfes um die Reinheit des Herzens wandte er sich immer wieder voll Sehnsucht den christlichen Grundsätzen zu, die besagen, dass man wahres Glück nur dann erlangen kann, „wenn man dem Egoismus abschwört und sich ihm nicht unterordnet; wenn man sich von den fleischlichen Begierden abwendet und sie nicht stillt.“ Muggeridge versuchte nicht, die Stimme seines Gewissens zum Schweigen zu bringen oder seine Ehebrüche zu entschuldigen und das Böse als etwas Gutes zu bezeichnen. Er behielt eine elementare Ehrlichkeit bei und war der Stimme seines Gewissens treu. Diese Haltung führte ihn schließlich nach Jahren innerer Kämpfe zum Glauben und zur Versöhnung mit Gott, zur Entdeckung der Fülle der Wahrheit in der katholischen Kirche.

Muggeridge schrieb ein Essay über die sexuelle Revolution mit dem Titel Down with Sex. Auf der Grundlage seiner Beobachtungen und Beispiele aus seinem Leben zeigte er darin auf, zu welcher geistigen Wüste und Entartung es kommt, wenn man die moralischen Grundsätze im Bereich der Geschlechtlichkeit bricht. Er warnte, dass der Lebensstil, den die sexuelle Revolution propagiert, zu den größten Unglücken im Leben führt. Am 18. Januar 1962 schrieb er in sein Tagebuch: „Der einzige Wunsch, der mir noch im Leben geblieben ist, ist der, dass jeglicher Egoismus, Hochmut, alle Wollust und Habsucht aus mir ausgebrannt werden … Ich möchte, dass die immer schwächer werdende Flamme meines Seins hell und sicher erstrahlt, ohne explodierende Rauchschwaden, bis sie zum letzten Mal aufflammt.“ In einem Interview aus dem Jahre 1965 bekannte er, dass es ihm endlich gelungen war, Herr seiner selbst zu werden und seine Begierden zu beherrschen. Er sagte: „Der Mensch muss sich entscheiden: Entweder er zügelt seine Begierden, oder er gibt ihnen nach. Ich habe die meinigen besiegt.“

Dies war der Beginn der schönsten Zeit im Eheleben von Malcolm und Kitty, großer Friede und Glück entströmten der ehelichen Harmonie. Beide entdeckten die Freude einer reinen ehelichen Liebe und konnten sich aneinander freuen, wie sie es niemals zuvor getan hatten. Mäßigkeit, Selbstbeschränkung, Askese, Kontrolle über Sinne und Emotionen, um die Freiheit des Geistes zu erreichen, lieben zu können und sich am Leben zu erfreuen, standen dem allgemein propagierten Lebensstil entgegen. Kein Wunder also, dass solch eine Haltung Malcolms auf Kritik stieß und von den Verkündern der liberalen Sexualität, die hedonistische und permissive Verhaltensweisen propagierten, lächerlich gemacht wurde.

Die Einstellung Muggerides war keine Rückkehr zum Puritanismus, sondern ein Weg in die Freiheit und Lebensfreude. In seinem Tagebuch schrieb er: „Jetzt bin ich in die Enthaltsamkeit verliebt. Man sollte nicht auf Dinge verzichten, weil sie angenehm sind (dies ist Puritanismus), sondern deshalb, weil andere sich als angenehmer erweisen, wenn wir auf diese verzichten.“

Die Verwandlung

Malcolm Muggeridge war kompromisslos bei der Suche nach der Wahrheit, sowohl im moralischen als auch im intellektuellen Bereich. Er kämpfte gegen seinen Egoismus und gegen seine unkontrollierten Emotionen und Begierden, intellektuell war er auf der Suche nach der Wahrheit. Da er mit sozialistischen Ideen erfüllt war, sprach er sich zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts für den Kommunismus aus. Als er im Jahre 1932 als Korrespondent nach Moskau fuhr, war er fest davon überzeugt, dass er ein Land sehen würde, in dem es zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte keine Ausbeutung geben würde, sondern Gleichheit, Gerechtigkeit und Glückseligkeit.

Vor Ort überzeugte sich Muggeridge sehr schnell davon, dass er an eine Utopie geglaubt hatte. Er entdeckte, dass alles in der Sowjetunion auf Lügen und Gewalt aufgebaut war. Malcolm schrieb darüber: „Am Anfang war dort die Lüge, und die Lüge wurde zu einer Information, die unter uns wohnte.“ Muggeridge machte ganz persönlich die Erfahrung, wie die ins Leben umgesetzte kommunistische Ideologie ihr barbarisches Angesicht zeigte: ein entsetzliches Monstrum der totalitären Versklavung und des Völkermords. Er wurde Zeuge der Hungerkatastrophe in der Ukraine, die Millionen von Menschen das Leben kostete. Diese Hungersnot war von Stalin geplant und auch verwirklicht worden als Strafe für den Widerstand gegen die Zwangskollektivierung der ukrainischen Landwirtschaft.

In derselben Zeit war die europäische Elite entzückt von der Sowjetunion. Viele Journalisten, Schriftsteller und Intellektuelle, die sich von der Political Correctness und gewöhnlichem Opportunismus leiten ließen, verbreiteten entgegen den vorherrschenden Fakten idyllische Lügen über die Situation im kommunistischen „Paradies“. Malcolm beschrieb diese Erscheinung der intellektuellen Blindheit, Dummheit und Unehrlichkeit in seiner Novelle Winter in Moscow aus dem Jahre 1934 und nannte sie „eine besondere Sünde des 20. Jahrhunderts.“ Als einer von wenigen Journalisten hatte Muggeridge den Mut, die Wahrheit zu schreiben. Er war der Erste, der die öffentliche Meinung über das entsetzliche Verbrechen der Hungersnot in der Ukraine informierte. Er schickte seine Artikel an die Redaktion in Manchester und versteckte sie im diplomatischen Gepäck, damit sie nicht von kommunistischen Agenten beschlagnahmt würden.

Der Aufenthalt in der Sowjetunion bewirkte, dass Malcolm Muggeridge mit Abscheu die kommunistische Ideologie verwarf, die zum Totalitarismus, zur Versklavung und zum Völkermord führte. Durch diesen Aufenthalt berührt, fing Muggeridge wieder an, sich für das geistige Leben und das Christentum zu interessieren. Er entdeckte die mystische Tradition der russischen Kultur in den Büchern von Dostojewski und Tolstoi. Als Malcolm bei einer Liturgie in einer orthodoxen Kirche stand, umgeben von ausgehungerten und betenden Menschen, entdeckte er zum ersten Mal in seinem Leben die freudevolle Wahrheit über die Auferstehung Christi: dass keine Macht der Welt Gott überwinden kann. Malcolm fühlte eine große Sehnsucht danach, sein ganzes Leben vollkommen und bedingungslos Christus anzuvertrauen, der in seiner Liebe allmächtig ist, aber keine Gewalt anwendet. Muggeridge wurde bewusst, welch katastrophalen Folgen die Ablehnung Christi und Seiner Lehre nach sich zieht: Der Mensch wird zu einem Irren und fällt auf das Niveau eines Tieres herab. Es tauchte eine tiefe Sehnsucht bei Malcolm auf, Christ zu werden. Er schrieb: „Die christliche Religion ist für mich wie eine hoffnungslose Liebe. Ich trage ihr Bild in mir und schaue sie mir von Zeit zu Zeit sehnsüchtig an.“

Der Terror der liberalen Ideologie

Die Enttäuschung über den Aufenthalt in der Sowjetunion und die liberale Ideologie führte dazu, dass Muggeridge über einen Eintritt in die katholische Kirche nachdachte. In sein Tagebuch schrieb er: „Ich sehe die Kraft und Wichtigkeit der katholischen Kirche, aber ich bin noch nicht in der Lage dazu, ihre Dogmen aufrichtig zu akzeptieren.“ Nach seiner Rückkehr aus Moskau hatte Muggeridge verstanden, bis zu welchem Grad der Liberalismus die europäische Zivilisation zerstört hatte, und dass dieser letztendlich im Totalitarismus mündet. Der Liberalismus ist der Vorläufer des Totalitarismus. Muggeridge schrieb, dass der Liberalismus auf hinterhältige Weise die offensichtliche Tatsache zu verdecken versucht, dass „der Mensch, sich selbst überlassen, grausam, wollüstig, faul wird und zur Kriminalität neigt. Es gibt nur eine Möglichkeit, seine schlechten Neigungen zu fesseln: Man muss in ihm die Furcht vor Gott und vor anderen Menschen wecken. Bei diesen zwei Alternativen gebe ich der Furcht vor Gott den Vorrang und stelle sie höher.“ Muggeridges Meinung nach ist vor allem das Bewusstsein über die Existenz der göttlichen Gerechtigkeit und die Furcht davor, aus eigener Schuld das ewige Leben zu verlieren, das, was die Menschen edler macht und sie zu einer guten Lebensführung motiviert.

Muggeridge verteidigte das Christentum, noch bevor er Christ wurde; er war der Meinung, dass nicht Hitler oder Stalin die größten Feinde des Christentums wären, sondern der Liberalismus. Malcolm warnte vor der Zivilisation des Todes, die in liberaler Verkleidung seit mehr als 100 Jahren die Fundamente der christlichen Zivilisation zerstört, welche die Würde eines jeden Menschen, die Gewissensfreiheit sowie das Recht auf Leben vom Moment der Empfängnis bis zum natürlichen Tod schützt. Die ins Leben umgesetzten Ideen des Liberalismus eliminieren die christliche Ethik und alle daraus resultierenden Verhaltensweisen. Schlussendlich führen sie zur Selbstzerstörung des Menschen.

In seiner Autobiografie Chronicles of Wasted Time beschrieb Muggeridge die destruktiven Einflüsse der Ansichten von Freud und Marx auf die ganze westliche Zivilisation: „Sie haben es geschafft, die Fundamente der Zivilisation West-Europas so zu untergraben, wie es keine revolutionäre Bewegung vor ihnen geschafft hat oder schaffen konnte. Freud hatte es im Bereich der Moral, Marx im Bereich der Geschichte getan. Beide führten den Begriff der Determination ein und redeten so den Menschen ein, dass sie frei von jeglicher Verantwortung sowohl für ihre eigenen wie auch für die gesellschaftlichen Verhaltensweisen wären.“ Muggeridge betonte, dass Jesus Christus das einzige Fundament der europäischen Zivilisation ist und nicht etwa Charles Darwin, Karl Marx oder Lenin. Der Liberalismus steht im Widerspruch zu allem, was Jesus Christus uns offenbart hat. Wenn man Christus ablehnt, dann führt die Suche nach Hoffnung in die Hoffnungslosigkeit, die Jagd nach Glück zur endgültigen Verzweiflung und die Sehnsucht nach dem Leben in die Fänge des Todes.

Muggeridge machte keine Kompromisse bei seinem Kampf gegen den Terror der liberalen Ideologie. Im Jahre 1968 verzichtete er auf die Rektorstelle an der Universität von Edinburgh. Kategorisch widersetzte er sich den Forderungen der Studenten, die eine Legalisierung der Droge LSD auf dem Uni-Kampus und die Austeilung der Anti-Baby-Pille forderten.
Bei seinem Amtsverzicht hielt Muggeridge eine Rede, während der er die Forderungen der Studenten verspottete. Er verglich die entstandene Situation mit dem moralischen Zustand im Römischen Imperium bei seinem Untergang. Die Rebellion der Studenten mit ihren Forderungen nach der Legalisierung von Drogen und Verhütungsmitteln bezeichnete er als einen makabren und den erbarmungswürdigsten Versuch aller Zeiten, um Pflichten und Schwierigkeiten zu entfliehen. Muggeridge sagte: „Die Droge und das Bett – das sind die Fluchtoptionen, die jedem alten Lüstling zu allen Zeiten und in allen Regionen der Welt zu eigen sind.“

Die Heiligkeit des Lebens

Malcolm Muggeridge war schon immer von der Heiligkeit des Lebens überzeugt. Er hatte verstanden, dass die Trennung des Geschlechtsaktes von der Fortpflanzung zu verheerenden Folgen im Bereich der Moral, der Einstellungen sowie der zwischenmenschlichen Beziehungen und Verhaltensweisen geführt hat. Sie führte auch zur Diskriminierung der Mutterschaft, zur Förderung des Single-Daseins, zur Akzeptanz sexueller Perversionen, die man den sexuellen Beziehungen innerhalb der Ehe gleichstellte, die für das Leben offen sind. Letztendlich führte sie zur Legalisierung der Abtreibung und zum entsetzlichen Holocaust der ungeborenen Kinder.

Bereits im Jahre 1978 sah Muggeridge vorher, dass die europäischen Länder in Kürze der Versuchung erliegen werden, die Euthanasie zu legalisieren, um sich selbst und ihre Wählerschaft von der wachsenden Last der Pflege der Alten, Kranken und Behinderten zu befreien. Muggeridge sagte, dass es nur deshalb zur Verspätung bei der Legalisierung der Euthanasie gekommen ist, weil man noch im Bewusstsein hatte, dass die Euthanasie während der Prozesse in Nürnberg zu den ungeheuerlichen Verbrechen des 2. Weltkrieges gerechnet
worden war. Muggeridge stellte fest: „30 Jahre werden ausreichen, um in unserer humanistischen Gesellschaft dieses Kriegsverbrechen in einen Akt der Barmherzigkeit zu verwandeln.“
Er betonte die schmerzliche Tatsache, dass Abtreibung und Euthanasie eine Art „humanitärer“ Holocaust sind, bei dem entschieden mehr Menschen umgebracht werden als zu Zeiten Hitlers.

Muggeridge verteidigte entschieden die von Papst Paul VI. verfasste Enzyklika Humanae vitae. Während einer Konferenz in San Francisco, die dieser Enzyklika gewidmet war, stellte Muggeridge in einer Rede fest, dass man die Sexualität als ein Sakrament der Liebe verstehen sollte, als das Fundament der Unauflösbarkeit der Ehe und der familiären Gemeinschaft. Er bezeichnete diese Enzyklika als ein Dokument von fundamentaler Bedeutung für die ganze Menschheit und war davon überzeugt, dass die Geschichte die Haltung der Kirche gegenüber Verhütungsmitteln einmal bestätigen und ihr Recht geben wird. Diese Einstellung Muggeridges zeugte von großer Zivilcourage, zieht man die damals vorherrschende Propaganda in Betracht, die die Legalisierung von Verhütungsmitteln und Abtreibung für ein Zeichen der Emanzipation der Frauen hielt.

Muggeridge bekämpfte die Verhütungsmittelmentalität und kämpfte für die Heiligkeit des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Er war fest davon überzeugt, dass das einzige Gegengift gegen die Verbrechen der Abtreibung und Euthanasie, oder wie er es nannte „die liberale Sehnsucht nach dem Tod“, in der Verteidigung der Heiligkeit des Lebens durch die katholische Kirche besteht. Wann immer er die Bezeichnung „ungewolltes Kind“ hörte, erzählte Malcolm, wie Mutter Teresa einmal, als sie ein neugeborenes Baby in den Händen hielt, das sie in einem Abfalleimer in Kalkutta gefunden hatte, sagte: „Siehst du? In ihm ist Leben.“

An der Schwelle des Hauses

Malcolm Muggeridge suchte beharrlich nach der Wahrheit. Auf diesem Weg bekam er starke Unterstützung durch die Lektüre der Werke des großen Konvertiten Augustinus sowie die Meisterwerke der christlichen Mystik des 14. Jahrhunderts (The Cloud of Unknowing).

Einen entscheidenden Einfluss auf Malcolms Bekehrung hatte jedoch ein Treffen mit der seligen Mutter Teresa im Frühjahr 1969 während der Entstehung eines Films über die Missionarinnen der Nächstenliebe. Muggeridge schrieb damals: „Mutter Teresa ist eine lebendige Bekehrung in sich selbst. Es ist unmöglich, nicht selbst in irgendeinem Maße bekehrt zu werden, wenn man mit ihr zusammen ist, ihr zuhört, beobachtet, was sie tut und wie sie es tut. Ihre Ganzhingabe an Christus, ihre Sicherheit, dass jeder Mensch genauso behandelt und geliebt werden sollte, als wenn es Christus selbst wäre, ihr einfaches Leben gemäß dem Evangelium und ihre Freude beim Empfang der Sakramente – all dies ist etwas, was man nicht beiseiteschieben kann. Es gibt kein Buch, das ich gelesen habe, keine Rede, die ich gehört habe, keine Andacht, an der ich teilgenommen habe, keine menschliche Beziehung oder irgendeine transzendente Erfahrung, die mich Christus näher bringen oder mir bewusster machen würde, was die Fleischwerdung wirklich bedeutet und was sie von uns fordert. Was heißt es also, sich zu bekehren? Dies ist eine ähnliche Fragestellung wie: Was ist das Verliebtsein? Es gibt keine Standardprozeduren und keine festgelegten Zeiten.“

Das Zeugnis von Mutter Teresa bewirkte, dass sich im Herzen Malcoms die Liebe zur katholischen Kirche entwickelte. Er brauchte aber noch 13 Jahre, um die endgültige Entscheidung zu treffen, Katholik zu werden. Sein im Jahre 1969 herausgegebenes Buch Jesus Rediscovered zeugt davon, dass er sich für einen Christen hielt, der an keine Kirche gebunden war.

Malcolm besaß bereits das Bewusstsein darüber, dass Hochmut die gefährlichste geistige Krankheit darstellt, die den Menschen von Gott trennt; Sinnlichkeit hingegen bindet den Menschen an die Erde. Muggeridge hatte Gewissensbisse und das Gefühl, die meiste Zeit seines Lebens verschwendet zu haben. Seine Reue darüber drückte er in folgenden Worten aus: „Du hast mich gerufen, doch ich bin nicht gekommen – diese leeren Jahre, diese leeren Worte, diese leere Leidenschaft.“

Daraufhin fasste er den festen Beschluss, die Jahre, die ihm noch geblieben waren, fruchtbringender zu verleben. Er unterstützte die Mission von Mutter Teresa und engagierte sich für die Gemeinschaft geistig behinderter Menschen L’Arche, die Jean Vanier ins Leben gerufen hatte. Malcom hielt Alexander Solschenizyn, Simone Weil und Jean Vanier für die wichtigsten zeitgenössischen christlichen Schriftsteller.

Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verbannte Muggeridge den Fernseher aus seinem Leben. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass das Fernsehen eine Art „Magazin unserer Verlogenheit“ ist und die Fernsehkamera „die gefährlichste Erfindung unserer Zeiten darstellt.“ Während eines Interviews im Jahre 1981 sagte Muggeridge, dass es dem Christen am schwersten falle, sich „der immensen Macht der Trugbilder entgegenzustellen. Der Mensch hat in diesem Jahrhundert solch eine Maschinerie der Trugbilder erschaffen, wie es sie bis dato niemals gegeben hat. Wo auch immer du dich befindest, sind diese Trugbilder anwesend, und sie suggerieren dir, dass man das Glück durch Sinnlichkeit und die Fülle des Lebens im Erfolg findet.“

Muggeridge zeigte die Gefahr einer Flucht in die Welt der Trugbilder, die nicht reale, virtuelle, durch die Medien und die Werbung erschaffene Welt, auf: „Niemals zuvor wurden in der Geschichte der Menschheit die so wenig bedeutenden materiellen Aspekte des Lebens auf so verführerische Weise durch die Werbung gezeigt und die Menschen dazu angehalten, immer mehr Dinge zu wollen, weil man ihnen die Überzeugung einprägte, dass man Freude und das größte Glück durch Sinnlichkeit erreicht.“ Muggeridge betonte, dass man die Realität „durchdringen, umfassen und als das größte Geschenk lieben sollte“, denn in dieser Realität ist der fleischgewordene Gott – Jesus Christus – anwesend. Man bewerkstelligt dies durch das Gebet.

Endlich Zuhause

Die Entscheidung über den Eintritt in die katholische Kirche war im Leben von Muggeridge die Krönung eines langen, geistigen Reifungsprozesses. Mit großer Demut nahm er alle von Gott offenbarten und durch die katholische Kirche gelehrten Wahrheiten an. Er bereute, so lange für seine vollständige Bekehrung gebraucht zu haben.

Am 27. November 1982 wurde er zusammen mit seiner Ehefrau Kitty in der Kapelle Our Lady Help of Christians in der Grafschaft Sussex und der Ortschaft Hurst Green in die katholische Kirche aufgenommen. Bischof Cormac Murphy O’Connor aus der Diözese Arundel leitete die Zeremonie. Muggeridge schrieb über seine Bekehrung, sie habe ihm das Gefühl gegeben „nach Hause gekommen zu sein, die Fäden des vergeudeten Lebens aufgesammelt zu haben, den Aufruf der Glocke beantwortet zu haben, die ihn so lange Zeit über gerufen hatte; den Platz am Tisch eingenommen zu haben, der so lang auf ihn gewartet hat.“

Malcolm Muggeridge hat die freudige Wahrheit erkannt, dass der gute und barmherzige Gott alles tut, um die Sünder zur Bekehrung zu führen. Der Mensch ist frei und kann den Kontakt zu Gott verlieren, sich in seiner Sinnlichkeit verlieren und in seinem Hochmut erheben, seinen Schöpfer verachten. In seiner Dummheit kann er Gott verwünschen, gläubige Menschen auslachen und sogar den Tod Gottes verkünden. Doch am Ende seines Lebens wird ihm nur Eines übrigbleiben: auf die Knie fallen und sich in demütigem Gebet der göttlichen Barmherzigkeit anzuvertrauen. Tut er dies nicht, so erwartet ihn die entsetzliche Ewigkeit der Hölle. Wenn er es aber tut, dann erfährt er die unendliche Güte, Liebe und Barmherzigkeit Gottes sowie die unbeschreibliche Freude angesichts der Vergebung all seiner Sünden.

Muggeridge nahm den Schatz des Glaubens mit seinem ganzen Herzen auf und ordnete den Forderungen dieses Glaubens sein ganzes Leben unter. Im Brief an die Hebräer lesen wir: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11,1). Malcolm Muggeridge betonte, dass der Glaube eine besondere Art der Erkenntnis darstellt, denn wir müssen akzeptieren, dass es einen geheimnisvollen Vorhang zwischen der Zeit und der Ewigkeit gibt. Der Glaube lässt den Menschen in dieses Geheimnis eintauchen und eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus aufbauen, der als wahrer Gott wahrer Mensch wurde, um uns aus der Sklaverei des Teufels, der Sünde und des Todes zu befreien.

Nach seiner Bekehrung hegte Muggeridge eine besondere Liebe zu Jesus im Allerheiligsten Sakrament des Altares. Die Teilnahme an der Eucharistiefeier wurde zum wichtigsten Ereignis eines jeden Tages. Die übernatürliche Welt der geistigen Wirklichkeit wurde für Malcolm reeller als die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Zusammen mit seiner Ehefrau führte er ein Leben in Stille, ohne Fernsehen, abgeschirmt von der Welt, in völliger Hingabe an Gott während langer, täglicher Gebete. Sie bereiteten sich auf den wichtigsten Moment der Begegnung mit Christus im Augenblick des Todes vor, indem sie ein mystisches Leben führten, sich ganz Gott übergaben.

Im Jahre 1988, zwei Jahre vor seinem Tod, schrieb Muggeridge: „Hier auf der Erde habe ich mich immer fremd gefühlt. Mir war immer bewusst, dass unser Zuhause woanders ist. Jetzt, wo ich mich dem Ende meiner Pilgerreise nähere, habe ich Zuflucht in der katholischen Kirche gefunden. Von hier aus kann ich die Himmelspforte in den Mauern Jerusalems sehen, und zwar viel deutlicher als von irgendeinem anderen Ort aus, gleichsam wie durch eine verdunkelte Scheibe.“ Im Jahre 1989 erkrankte Muggeridge immer stärker und verlor sein Gedächtnis. Gott hat sein Gebet erhört, in dem er um eine vollständige Reinigung gebeten hatte: „Demütige meinen Hochmut.“

Mit den Sterbesakramenten versehen starb Muggeridge am 14. November 1990 – er durchschritt die Pforte des Himmels. Sein Leben ist ein Zeugnis dafür, dass Gott sich von denen finden lässt, „die ihn nicht versuchen, und [er] zeigt sich denen, die ihm nicht misstrauen. (…) In eine Seele, die auf Böses sinnt, kehrt die Weisheit nicht ein, noch wohnt sie in einem Leib, der sich der Sünde hingibt” (Weisheit 1,2.4).

Pater M. Piotrowski SChr

Quellen: M. Muggeridge: Conversion: The spiritual Journey of a Twentieth-Century Pilgrim, Harper Collins 1988; Gregory Wolf: Malcolm Muggeridge: A Biography, London 1995; M. Muggeridge: Jesus Rediscovered, London 1969; Joseph Pearce: Literary Converts, Ignatius Press, 2000.

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