„Tötung ohne Verlangen“

2011-02-04

Von Stefan Rehder

 

Dass sich die Euthanasie auf dem Vormarsch befindet, ist kein Geheimnis mehr. Als einträgliche „Beihilfe zum Suizid“ wird sie bislang nur in der Schweiz geduldet. In Gestalt der „Tötung auf Verlangen“ ist sie jedoch mittlerweile bereits in den Niederlanden (2002), Belgien (2002), Luxemburg (2009) sowie in den beiden US-Bundesstaaten Washington (2009) und Oregon (1997) legalisiert worden. In Kanada wird über eine Einführung der „Tötung auf Verlangen“ derzeit so heftig debattiert, dass das angesehene „Canadian Medical Association Journal“ jetzt gleich zwei Studien publizierte, die Erfahrungen spiegeln, welche die Belgier mit der aus den Niederlanden übernommenen und in Teilen weiter liberalisierten „Tötung auf Verlangen“ gemacht haben.

Für die eine Studie befragten Forscher der Universität Brüssel um Kenneth Chambaere sämtliche Ärzte, die in Flandern im zweiten Halbjahr 2007 einen Totenschein ausgestellt hatten. Dieses aufwendige Verfahren ist nötig, weil das belgische Gesetz perfider Weise vorschreibt, dass „Tötungen auf Verlangen“, die nach den Bestimmungen des Gesetzes erfolgt sind, als „natürlicher Tod“ auszuweisen sind. Ob jemand einfach gestorben oder auf Verlangen von einem Arzt getötet wurde, ist hinterher also für niemand mehr ersichtlich. Obwohl den Ärzten die Wahrung ihrer Anonymität zugesichert wurde, schickten nur etwas mehr als die Hälfte (58,4 Prozent) die Fragebögen zurück. Da man ferner davon ausgehen muss, dass vor allem Ärzte, die Euthanasie praktizieren, seltener bereit sein dürften, über ihr Tun Auskunft zu geben, als solche, die das ablehnen, können die Zahlen auch allenfalls als Richtwert betrachtet werden.

Uninteressant sind sie deshalb nicht. Untersucht werden konnten für die Studie 3 304 von 6 927 Todesfällen. 208 von ihnen wurde als „medizinisch assistierter Tod“ klassifiziert. In 142 Fällen erfolgte die Tötung dabei auf ausdrücklichen Wunsch der Patienten, in 137 Fällen durch das alleinige Handeln der Ärzte, in fünf Fälle assistierten diese bei einem Suizid. In den übrigen 66 Fällen aber fand die Tötung ohne ausdrücklichen Wunsch des Patienten statt. Dass aus der „Tötung auf Verlangen“ in vielen Fällen auch eine „Tötung ohne Verlangen“ wird, ist auch in den Niederlanden belegt worden.

In den Niederlanden, in denen die Euthanasie auch schon vor ihrer Legalisierung häufig praktiziert wurde, haben Studien aus den Jahren 1990, 1995 und 2001 gezeigt, dass Ärzte in jeweils rund 25 Prozent der Fälle Patienten töteten, die gar keine Euthanasie verlangt hatten. Die Studie der Forscher der Universität Brüssel bestätigt diesen Befund nicht nur nun erstmals auch für Belgien, sondern bringt auch noch andere wichtige Details ans Licht. Während die „Tötungen auf Verlangen“ überwiegend bei Patienten durchgeführt wurden, die an Krebs im Endstadium litten und im Haus der Patienten stattfanden, wurden die „Tötungen ohne Verlangen“ überwiegend im Krankenhaus und bei komatösen oder dementen Patienten durchgeführt.

Dies ist vor allem deswegen so interessant, weil die Legalisierung der Euthanasie nahezu überall mit der Behauptung gerechtfertigt wurde, die Autonomie des Patienten schließe auch das Recht auf einen vorzeitigen Tod ein. Offensichtlich nehmen aber nicht alle Ärzte, die Menschen töten, es mit der Autonomie ihrer Patienten genau. Nach Gründen für derartiges Tun gefragt, gaben 38 Prozent der Befragten in den Niederlanden 1995 an: „Die Nächsten konnten es nicht mehr ertragen“. 36 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich) nannte eine „geringe Lebensqualität“ des Patienten als Grund für die „Tötung ohne Verlangen“.

Der laxe Umgang mit der Euthanasie, der nun auch in Belgien offengelegt wurde, betrifft aber auch andere Vorschriften des Gesetzes, wie die zweite Studie zeigt, für die eine andere Gruppe von Wissenschaftlern der Universität Brüssel mehr als 1 200 Krankenschwestern befragte. Danach gaben 48 Prozent der Befragten zu, an der Zubereitung der tödlichen Gaben beteiligt gewesen zu sein. 45 Prozent wollen diese, wenn auch überwiegend im Beisein eines Arztes (98 Prozent) sogar selbst verabreicht haben. Nach dem belgischen Gesetz dürfen jedoch ausschließlich Ärzte die tödlichen Mittel verabreichen.

Ob die Ergebnisse der Studien den Ausgang der Debatte in Kanada positiv beeinflussen werden, muss abgewartet werden. Erwarten sollte man dergleichen jedoch nicht. Denn zu den hervorgehobenen Ergebnissen der Studien zählt merkwürdigerweise auch, dass diese zeigten, dass durch die Liberalisierung die Zahl der „Tötungen auf Verlangen“ in Belgien wie auch in den Niederlanden zurückgegangen sei. Wie man das allerdings feststellen können will, solange eine „Tötungen auf Verlangen“ als „natürlicher Tod“ ausgewiesen werden muss, dürfte wohl das Geheimnis der Autoren und ihrer Kommentatoren bleiben.

Quelle: www.die-tagespost.de

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