2018-2 Glaube

Wir leben, um zu lieben und geliebt zu werden

Mai 11, 2018 Maria Zboralska

Die Geschichte der 28-jährigen Italienerin Chiara Petrillo, die im Jahr 2012 verstarb, lässt sich in zwei Worten erzählen: Liebe und Tod. Mit ihrem geliebten Mann Enrico wird sie zwei Kinder beerdigen müssen, und die Freude über die Geburt des dritten wird von den Vorbereitungen auf ihren eigenen Tod begleitet. Und doch hatte im Leben Chiaras die Liebe das letzte Wort.

Als Chiara Petrillo (geboren 1984) Enrico Petrillo kennenlernte, war sie 18 Jahre alt, und er 23. Die jungen Leute verliebten sich sofort ineinander, aber ihre Beziehung war bis zur Heirat nicht die leichteste. Sie stritten und trennten sich häufig. Erst das Ehesakrament, das sie am 21. September 2008 in Assisi empfingen, und die Vorbereitungszeit darauf unter der Obhut ihres Seelenführers Pater Vito D´Amato verwandelte die Beziehung der Petrillos in eine reife Verbindung. Damals begriff Enrico, dass „sich nur zu leben lohnt, wenn man bereit ist, wirklich zu lieben“, und Chiara lernte, ihr Vertrauen auf Gott zu setzen, und sie verstand auch, dass der andere ein Geschenk Gottes ist, und nicht jemand, auf den sie ein Anrecht hatte. Später werden die Eheleute wie der hl. Franziskus sagen, dass man die Liebe vor allem von der Versuchung des Besitzens reinigen muss. „Jemanden lieben heißt: akzeptieren, dass man nicht alles, was ihn betrifft, verstehen kann; bereit sein, sich zu verändern, also zu leiden, für den anderen auf etwas zu verzichten“, schrieb Chiara.

Wie hilft man der wehrlosen Liebe?

Die Ehe der Petrillos wurde vom Herrgott sehr bald mit einem Kind gesegnet. Während einer Untersuchung in Chiaras 14. Schwangerschaftswoche stellte sich jedoch heraus, dass das Kind an Anenzephalie litt, d.h., dass es keinen ausgebildeten Schädel und damit keine Chance hatte, nach der Geburt weiterleben zu können. Im Untersuchungszimmer wurde die Möglichkeit einer Abtreibung angedeutet. Die Worte des Arztes empörten Chiara. Sie wusste von Anfang an, dass es ihre Aufgabe war, dem Kind im ungeborenen Zustand die beste Entwicklung zu ermöglichen, auch wenn es nach der Geburt nicht würde weiterleben können. Sie spürte, dass sie es unterstützen musste, so gut sie nur konnte, anstatt ihm das Leben zu nehmen. Enrico war der gleichen Meinung, was für die junge Ehefrau und Mutter eine große Stärkung bedeutete. Der Ehemann berichtete: „Maria Grazia Letizia [diese Vornamen wählten die Eltern für das Mädchen aus, Anm. d. Red.] hat unsere Herzen geöffnet. Öffne die Tür, und die Gnade tritt ein, die wahre Liebe tritt ein, der Sinn des Lebens, die Ewigkeit. Genau das hat Maria Grazia Letitzia getan. Gott zeigte uns Schritt für Schritt, was wir tun sollten, und langsam wurde uns alles immer klarer. Und wenn wir dann die wirkliche Gegenwart Gottes entdecken, dann können wir mehr lieben.“

In den weiteren Schwangerschaftsmonaten Chiaras liebten die Eheleute ihre Tochter auf eine Weise, die ihre Umgebung erstaunte. Sie schämten sich des Mädchens nicht und erzählten mit Stolz von ihr. Ihr Leben war für sie kein Fehler, und sie trugen nicht den Gedanken in sich, dass es besser wäre, wenn ihre Tochter anders wäre. Das Glück und der Seelenfrieden, die aus den Gesichtern der Eltern des Mädchens sprachen, beschämte nicht nur die Ärzte, sondern auch viele Bekannte von Chiara und Enrico, die sich nach Bekanntgabe der Diagnose gewundert hatten, warum die Eheleute sich nicht für einen „Schwangerschaftsabbruch“ entschieden hatten. Dabei war, wie Chiara gestand, „jeder Tritt von Maria ein Geschenk. Sie wollte so sehr, dass ich sie wirklich spürte… Als wollte sie uns daran erinnern, dass sie für uns dort war.“

„Wir sind nicht böse auf Gott, denn wir wissen, dass Er hinter all dem steht. Und zu begreifen, dass hinter allem Gott steht, ist das wunderbarste auf der Welt“ (Enrico Petrillo)

Maria Grazia Letizia kam am 10. Juni 2009 zur Welt und schaffte es während der halben Stunde ihres irdischen Lebens, ihre Eltern und Angehörigen durch ihre Gegenwart zu erfreuen und die Taufe zu empfangen, die von Chiara als „die größte Gabe, die Gott uns schenken konnte“ bezeichnet wurde. Die junge Mutter bekannte später auch: „Ich werde nie den Moment vergessen, als ich sie das erste Mal sah. Ich begriff da, dass wir für immer miteinander verbunden sind. Ich dachte nicht daran, dass sie nur für eine Weile mit uns sein würde. Dies war eine unvergessliche halbe Stunde. Hätte ich die Schwangerschaft abgebrochen, hätte ich die Abtreibung ganz sicher nicht als einen freudigen Tag in Erinnerung behalten, an dem ich mich eines Problems entledigte. Ich hätte ihn vergessen wollen, da er ein Tag großen Leidens gewesen wäre. Stattdessen werde ich mich an den Tag, an dem Maria geboren wurde, als an einen der schönsten in meinem Leben erinnern können, und ich werde meinen Kindern erzählen können, dass Gott wollte, dass sie ein außergewöhnliches Schwesterchen hätten, das im Himmel für sie betet. Müttern, die ihre Kinder verloren haben, möchte ich sagen, dass wir Mütter geworden sind, weil wir ein Kind als Geschenk erhalten haben. Es zählt nicht, für wie lange es uns gegeben wurde: für einen Monat, für zwei Monate oder nur für ein paar Stunden… Es zählt nur, dass wir es als Geschenk erhalten haben… Und das kann man nicht vergessen.“

Vergessen konnte man auch das Begräbnis des Mädchens nicht. Zum Erstaunen der Anwesenden waren die Eltern in Weiß angezogen und priesen Gott während des Gottesdienstes für Maria Grazia Letizia, indem sie auf der Geige (Chiara) und der Gitarre (Enrico) spielten. Sie bereiteten auch Bildchen mit der Muttergottes darauf vor, auf deren Rückseite ein rührender Brief an ihre Tochter abgedruckt war, der u. a. diese Worte enthielt: „Wir können ohne alles andere auskommen, wir müssen nur den Vater erkennen und uns für diese Begegnung vorbereiten. Du bist bereits darauf vorbereitet geboren, und ich finde keine Worte, um dir zu sagen, wie stolz wir auf dich sind.“

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