Die Kleine Araberin – die selige Schwester Maria von Jesus dem Gekreuzigten

Autor: ks. Mieczysław Piotrowski TChr

Der Muslim geriet in Raserei, zog ein Schwert und schnitt Maria mit einem Hieb die Kehle durch. Dann halfen ihm seine Ehefrau und seine Mutter, den Körper in ein Tuch zu hüllen, und zusammen warfen sie ihn an einem verlassenen Ort ab.

So begann die Geschichte des Martyriums der seligen Maria von Jesus dem Gekreuzigten (der Kleinen Araberin). Dank ihres tiefen, einfachen Glaubens verbrachte sie ihr Leben in der Gegenwart Jesu, Mariens, der Engel und Heiligen. Sie sprach mit ihnen wie mit den Schwestern im Kloster. Die Existenz der übernatürlichen Wirklichkeit wurde von ihr ebenso real erfahren wie die materielle Welt, die uns umgibt. Ihr Leben war reich an Ekstasen, Bilokationen, Erscheinungen, Levitationen, Stigmata, Prophezeiungen, mystischen Zuständen und Kämpfen gegen Dämonen.

Die Heiligen sind Quellen des übernatürlichen Lichts in der Welt. Sie zeigen die Existenz einer geistlichen Dimension der uns umgebenden Wirklichkeit auf. Sie weisen auf die reale Gegenwart Gottes in der Heiligsten Dreifaltigkeit hin, der uns in einem Maße liebt, dass Er wahrer Mensch wurde, alle unsere Sünden, Leiden und den Tod auf sich nahm, um durch seinen Tod und seine Auferstehung uns alle zu erlösen.

Kindheit

Maria Baouardy, genannt „die Kleine Araberin“ (die selige Maria von Jesus dem Gekreuzigten), wurde am 5.01.1846 in dem kleinen Dorf Ibillin geboren, das mitten auf dem Weg von Nazareth nach Haifa liegt. Ihre Eltern waren glühende Katholiken der Ostkirche. Da sie nicht zum Islam übertreten wollten, wurden sie mehrfach ins Gefängnis geworfen, verloren ihr Vermögen und mussten immer wieder ihren Wohnort wechseln. Sie wurden auch von einem anderen, besonderen Leiden heimgesucht: Innerhalb eines guten Dutzends Jahre starben ihnen 12 Kinder bald nach der Geburt. Also machten sie sich auf eine Pilgerreise nach Betlehem auf, um an der Geburtsgrotte Jesu die Gnade eines eigenen Kindes zu erbeten. Sie wurden erhört – ihre Tochter Maria wurde geboren, und ein Jahr später der Sohn Paul.

Als Maria drei Jahre alt war, starb ihr Vater, und einige Tage später starb auch die Mutter. Das Mädchen wurde von ihrem reichen Onkel adoptiert, während ihr Bruder von einer Tante aufgezogen wurde. Maria erinnerte sich, dass sie im Alter von fünf Jahren, als sie einmal sehr traurig über den Tod junger Vögelchen war, in ihrem Herzen eine Stimme hörte, die sagte: „Alles vergeht! Wenn du mir dein Herz schenkst, werde ich für immer darin bleiben.“ Schon da übergab sie ihr ganzes Leben Christus. Als sie acht Jahre alt war, ging sie mit großer Freude zur ersten heiligen Kommunion. Kurz danach zog sie mit der Familie ihres Onkels nach Alexandria in Ägypten.

Martyrium

Als Maria 12 Jahre alt war, erfuhr sie, dass ihr Onkel einen Verlobten für sie ausgesucht hatte und sie verheiraten wollte. Man begann, ihr Juwelen und seidene Gewänder, die mit Gold und Silber bestickt waren, anzubieten. Maria dachte überhaupt nicht an eine Ehe, denn sie hatte Gott lebenslängliche Jungfräulichkeit gelobt. Die ganze Nacht über verharrte sie im Gebet. Da erschien ihr die Muttergottes und sagte: „Maria, wenn du meinen Eingebungen folgst, dann werde ich dir beistehen, fürchte dich vor nichts.“ Nach dem Gebet schnitt sich das Mädchen ihre langen Haare ab.

Als am nächsten Tag der Onkel aus Anlass der herannahenden Hochzeit einen üppigen Empfang organisierte, brachte ihm Maria auf einem Tablett ihre abgeschnittenen Haare. Dies war ein Zeichen, dass sie Jungfrau bleiben und nur Jesus angehören wollte. Diese Geste machte ihren Onkel so wütend, dass er Maria öffentlich ohrfeigte. Zur Strafe degradierte er sie zur Dienerin und sprach das für sie schmerzhafteste Verbot aus, zur Kirche zu gehen.

Von allen verlassen, setzte sie ihre ganze Hoffnung auf Christus und blieb mutig bei ihrer Entscheidung. Nach drei Monaten der Demütigung wünschte Maria, ihren Bruder Paul zu treffen. Sie schrieb ihm einen Brief und brachte ihn einem muslimischen Nachbarn, der nach Nazareth reisen wollte, wo auch ihr Bruder wohnte. Maria berichtete dem Nachbarn von ihrem Schicksal. Der Mann bedauerte sie, sah aber die Hauptursache des Bösen in der katholischen Religion. Also schlug er Maria vor, muslimisch zu werden und sich seiner Familie anzuschließen. Als sie antwortete, dass sie Jesus niemals verraten würde und die wahre Religion nur in der Katholischen Kirche verkündet würde, geriet der Muslim in Raserei, zog ein Schwert und schnitt ihr mit einem Hieb die Kehle durch. Dann halfen ihm seine Ehefrau und seine Mutter, den Körper in ein Tuch zu hüllen, und zusammen warfen sie ihn an einem verlassenen Ort ab.

Maria erinnerte sich, dass sie sich nach dem Angriff im Himmel wiederfand. Dort herrschte ein unglaubliches Licht und die Freude über die uneigennützige Liebe Gottes in seiner Heiligsten Dreifaltigkeit, über die Liebe der Jungfrau Maria, der Engel und Heiligen. Maria begegnete dort auch ihren Eltern und vernahm die Worte: „Dein Lebensbuch ist noch nicht zu Ende geschrieben.“ Dann verschwand die Himmelsvision.

Das Mädchen erwachte in einer Grotte; sie lag auf einer ärmlichen Schlafstelle. Neben ihr saß eine wunderschöne Frau in einem himmelblauen Gewand, die Maria ihre Halswunde zunähte. Fast einen Monat lang kümmerte sie sich mit großer Liebe um sie. In dieser Zeit schlief das Mädchen und aß nichts, und ihre Pflegerin benetzte ihre Lippen mit Wasser. Am letzten Tag ihrer Behandlung gab sie Maria einen Teller Suppe, die ihr außergewöhnlich gut schmeckte, und sagte, dass Gott über alle ihre Bedürfnisse wache. Sie solle Gott vollkommen vertrauen und Ihn von ganzem Herzen lieben. Sie riet ihr, immer zufrieden zu sein und Gott für alles zu danken, insbesondere dann, wenn sie von irgendeinem Leiden heimgesucht würde. Sie warnte, Maria solle niemals auf die hinterlistigen Versuchungen des Satans eingehen. Sie kündigte Maria auch an, diese werde nach Frankreich ausreisen und dort Ordensfrau werden, dass sie sehr leiden und ihre Familie niemals wiedersehen würde.

Die geheimnisvolle Pflegerin führte Maria zu einer der Kirchen in Alexandria, damit sie beichten konnte, und verschwand dort. Erst später wurde Maria bewusst, dass diese geheimnisvolle Pflegerin die Seligste Jungfrau Maria selbst gewesen war. Das Mädchen wurde vollständig gesund, aber auf ihrem Hals blieb eine große Narbe von zehn Zentimetern Länge und einem Zentimeter Breite zurück. Viele Jahre später, im Karmel in Frankreich, untersuchte ein atheistischer Arzt Schwester Maria und stellte mit Verwunderung fest, dass eine Person, der man eine solche Wunde zugefügt hatte, eigentlich nicht überleben konnte, da der Hieb einige Wirbel verletzt hatte. Er betrachtete dies als Zeichen für die Existenz der unsichtbaren, übernatürlichen Wirklichkeit Gottes.

Dienerin

Maria blieb völlig allein zurück. Sie verdingte sich als Dienerin, arbeitete in Alexandria, Jerusalem, Beirut und Marseille. Sie wechselte oft die Häuser, aber am längsten wollte sie dort arbeiten, wo sie es am schwersten hatte und wo sie schlecht behandelt wurde.

In Beirut wurde sie krank und verlor ihr Augenlicht. Die Krankheit war unheilbar. Nach 40 Tagen völliger Blindheit bat Maria die Muttergottes um Heilung. Sie wurde erhört. Die Gottesmutter erschien ihr und gab ihr drei Anweisungen: kompromisslosen Gehorsam, vollkommene Liebe und völliges Vertrauen auf Gott. Die Gegenwart der Muttergottes war von einem großen Licht im ganzen Haus und einem wunderbaren Wohlgeruch begleitet. Alle Hausbewohner kamen im Zimmer der kranken Maria zusammen und stellten ihre vollkommene Genesung fest.

Maria zeichnete sich durch einen ungewöhnlich tiefen und einfachen Glauben aus. Während eines Sturms auf dem Meer, als ihr Schiff dem Untergang nahe war, erhob Maria, auf dem Deck kniend, die Hände in innigem Gebet und bat Jesus um die Beruhigung des Meeres. Der Sturm ließ sofort nach und das Schiff wurde gerettet. Das Mädchen sagte: „Hätten wir einen großen Glauben, so würden wir alles von Gott erlangen.“

Nach einigen Jahren der Wanderschaft kam Maria im Mai 1863 nach Frankreich und trat in Marseille eine Stelle als Dienerin an. Täglich nahm sie an der Eucharistie teil und betete viel. Sie empfing dort außerordentliche Gnaden. Eines Tages erlebte sie nach dem Empfang der hl. Kommunion eine viertägige Ekstase. Alle Versuche von Ärzten, sie ins normale Leben zurückzuholen, erwiesen sich als erfolglos. Ihr Seelenführer wies Maria an, zu erzählen, was sie unterdessen erlebt hatte. Das Mädchen bekannte, sie habe die Wirklichkeit des Himmels, des Fegefeuers und der Hölle erfahren. Sie hatte Jesus Christus, die Seligste Jungfrau inmitten der Engel, sowie Apostel, Märtyrer, eine großen Menge Jungfrauen und jene gesehen, die auf Erden durch große Drangsal gegangen waren. Sie erinnerte sich: „Ich sah mich selbst ganz winzig klein wie ein völliges Nichts, und fühlte dennoch, dass alle diese Seelen mich mit großer Freude umarmten.“

Auf Rat ihres Beichtvaters trat Maria im Jahre 1865 in den Orden der Josefsschwestern von der Offenbarung ein. Während ihres Postulats führte sie die einfachsten Arbeiten aus. Häufig hatte sie Ekstasen während der Eucharistie und des Gebets, zweimal in der Woche durchlebte sie die Leiden der Passion und des Todes Jesu. Auf ihrem Körper erschienen Stigmata, blutige Wunden der Kreuzigung und der Dornenkrönung. Diese außergewöhnlichen Zustände wurden von den Schwestern falsch interpretiert, und Maria wurde aus dem Orden verwiesen.

Im Karmel

Im Juni 1867 klopft Maria an die Pforte des Karmels und wird in das Kloster in Pau aufgenommen. Sie ist 21 Jahre alt, sieht aber aus, als sei sie 12. Dort gefiel ihr alles: die Klausur, das Schweigen, der Gehorsam, die Demut und die Armut. Sie erhielt einen Namen: Schwester Maria von Jesus dem Gekreuzigten. Da sie Schwierigkeiten mit dem Lesen hatte, wollte sie Konversschwester werden und sich mit einfachen Arbeiten in der Küche, der Wäscherei, an der Pforte oder im Garten befassen. Mit ihrer einnehmenden Einfachheit und Güte gewann sie die Herzen aller. Übernatürliche Gaben, mit denen Jesus sie beschenkte, wie Ekstasen, Levitationen, Stigmata -die sie in ihrer Einfachheit als peinliche Krankheit betrachtete-, Angriffe und Quälereien durch den bösen Geist bewirkten, dass Schwester Maria sich noch mehr in der Demut festigte und sich vor dem Herrn als „kleines Nichts“ betrachtete. Gewisse Anzeichen der geistigen Verzückung Schwester Marias stellten jedoch ein Problem für die Ordensgemeinschaft dar, insbesondere dann, wenn sie während der hl. Messe in Ekstase geriet. Es kam vor, dass sie während der Predigt oder nach der hl. Kommunion, begeistert von der Liebe Jesu, zu singen und zu tanzen begann. Während ihrer Ekstasen sprach sie Worte aus, die die Schwestern gewissenhaft aufschrieben. Einmal sagte sie: „Liebt Gott, sucht nur Gott, alles andere ist nichts! Ich habe die Freude meines Herzens gefunden, indem ich meinen Schöpfer fand! Der, der alles ist, genügt. Ich brauche nichts anderes mehr auf Erden.“

Ein anderes Mal sagte sie den Schwestern über die Sündenreue: „Ich war sehr besorgt wegen meiner ungenügenden Zerknirschtheit, ich fürchtete, ich hätte keine genügende Reue über meine Sünden. Meine gute Mutter, Maria, lehrte mich, vor der Beichte drei Stationen zu durchlaufen: die erste vor dem Tor des Himmels, die zweite vor dem Tor der Hölle und die dritte am Ölberg. Ich mache es so, wie sie gesagt hat, und seitdem habe ich Frieden darüber.“

Schwester Maria begegnete in Schauungen oftmals der Muttergottes. Während einer dieser Erscheinungen hörte sie: „Dreimal selig ist die Seele, die leidet! Die Zeit auf Erden ist sehr kurz. Nach einem kurzen Leiden auf Erden wird diese Seele für immer mit meinem Göttlichen Sohn beim Vater im Himmel sein.“

Einmal sah Maria während der hl. Messe zwei Engel, die neben dem Priester standen. Dann sah sie über dem Kelch Jesus in Gestalt eines wunderschönen Jungen, der plötzlich ein erwachsener Mann wurde. Sie erfreute sich an dieser Vision, aber noch mehr wünschte sie zu erfahren, wie Jesus, der doch im Himmel ist, gleichzeitig überall dort sein kann, wo konsekrierte Hostien sind. Da hörte sie die Worte des Herrn Jesus: „Dieses Geheimnis soll dich nicht wundern, ist denn das natürliche Licht nicht auch über allem? Warum also sollte der Urheber dieses Lichts nicht durch sein Sakrament an mehreren Orten gleichzeitig sein können?“

Schwester Maria wünschte sich keine außerordentlichen, übernatürlichen Zustände wie Stigmata, Ekstasen, Visionen und Levitationen. Sie sagte: „Man muss das wollen, was Gott will, aber ich schaue auf diese Zustände wie auf Strafen Gottes. Es ist so leicht, in Stolz zu verfallen! Der Stolz ist die Quelle aller Sünden, und die Demut die Grundlage jeglicher Tugenden. Der Stolz ist es, der uns alle zugrunde richtet, aufgrund des Stolzes rebelliert der Wille des Menschen gegen Gott. Die demütige Seele wird zu einem Licht, sie lebt in der Wahrheit, sie kommt zu Gott und Gott neigt sich ihr zu. Gott schaut mit größerer Liebe auf eine Seele, die durch ihre Demut zu Ihm zurückkehrt, als auf eine treue Seele, die sich selbst in ihren Tugenden gefällt.“

Stigmata

Während der Fastenzeit durchlebte Schwester Maria täglich Ekstasen, und auf ihrem Körper erschienen blutende Wunden, Stigmata – Zeichen des Leidens Jesu. Ihr erschienen dann der Herr Jesus, die Muttergottes und verschiedene Heilige. Als sie Jesus anflehte, Er möge doch die Stigmata von ihr nehmen, hörte sie die Antwort: „Ich erwähle mir manche Seelen, um in ihnen verherrlicht zu werden. Die außergewöhnlichen Gaben, die Ich ihnen schenke, sind nicht für sie selbst, sondern für andere. Diese Seelen behalten lediglich das Leiden, das wie der Dorn einer Rose ist. Doch nach vielen Leiden werden sie wie eine Rose sein, die sich öffnet. Sie werden meinen Wohlgeruch verströmen und im Himmel aufblühen. (…) Eine Seele kann aus sich selbst heraus nichts für Gott tun. Es ist Gott, der in ihr arbeitet, der sich mit Herrlichkeit umgibt und in ihr wächst, in dem Maße, wie die Seele sich zurücknimmt, weniger wird, sich selbst auslöscht.“

Wenn auf dem Körper Schwester Marias die Wunden des Leidens Jesu erschienen, wurde sie auf die Krankenstation gebracht. Dann strömte ihr Leib einen wunderbaren Duft aus. Ihre Leiden begannen am Abend des Aschermittwochs. Zuerst zeigte sich eine große schwarze Kruste über ihren Handgelenken und an den Füßen. Die Wunden der Stigmata öffneten sich freitagmorgens. Es floss reichlich Blut aus ihnen. Auf dem Verband, der auf die Seitenwunde gelegt wurde, blieben Blutflecken in Form eines Kreuzes zurück. Schwester Maria litt mit Jesus die ganze Fastenzeit hindurch, aber besonders schwere Leiden machte sie an den Freitagen durch. Sie nahm dann auf besondere Weise an dem Geheimnis des Leidens und des Todes Jesu teil. Die Schwestern schrieben die Worte auf, die sie damals sagte: „Ich danke dir, mein Gott. Ich bin bereit, noch mehr für die Sünder, für den Heiligen Vater und die Kirche zu leiden.“ Als sie in ihrem Leiden fürchtete, es nicht auszuhalten, bat sie: „Mein Gott, erbarme dich meiner, ich bin so schwach. Ich bin nur Sünde und sollte mich über dieses Leiden beschweren? Nein, nein, mein Gott. Jesus, wie sehr hast Du gelitten! Ich freue mich, dass ich für Dich leiden kann.“

Während einer ihrer Ekstasen sagte Schwester Maria: „Jesus blieb ohne Essen und Trinken vierzig Tage in der Wüste, Er fastete für uns. Ihm verlangte und dürstete nach Seelen, Er weinte, und als die Tränen über sein Gesicht rannen, sagte Er: „Ihr armen Sünder, wenn ihr euch nicht bekehrt, gibt es keinen Himmel für euch. Ich frage euch nicht, warum ihr gesündigt habt, sondern warum ihr euch nicht bekehrt. Ich schaue nicht auf eure Vergangenheit. Ich möchte, dass ihr zu Mir kommt. Kommt, und Ich werde euch erlösen.“

Während der hl. Messe, im Moment der Elevation, da sich das Leiden und der Tod Christi vergegenwärtigen, fiel Schwester Maria in Ekstase, und viel Blut floss aus ihren Wunden am Kopf, in der Seite, an den Händen und Füßen. Die versammelten Schwestern konnten die Wirklichkeit Kalvariens greifbar erfahren. Während der Ekstase sagte Schwester Maria: „Alles vergeht. Mein Gott, bedecke die armen Sünder mit Deiner Barmherzigkeit. Würden sie Dein Wort verstehen, würden sie an Deine Anwesenheit im Tabernakel glauben, würden sie daran denken, dass alles vergeht, dann würden sie sich bekehren. Ihr armen Sünder! Warum beleidigt ihr Den, der auch alles gibt? Geht zu Gott, hört auf sein Wort!“

Am Gründonnerstag um zwei Uhr nachmittags schwitzte Schwester Maria Blut, von dem ein unglaublicher Duft ausging. Später durchlebte sie die Qualen der Geißelung. Die versammelten Schwestern hörten das Schlagen der Geißel. Am Karfreitag hatte die Stigmatikerin Anteil an allen geistigen und körperlichen Leiden des Erlösers. Aus allen Stigmata floss reichlich Blut. Als die Schwestern ihr die blutenden Füße und Hände abwuschen, war das Fleisch an den Stellen der Wunden durchscheinend. Am Ostersamstag verschwand das Leiden, und Schwester Maria begann, die Freude der Auferstehung zu erleben.

Am 24. Mai 1868 erhielt Schwester Maria während des Gebets in der Einsiedelei von Jesus eine besondere Gnade. Mit all ihren Kräften wollte sie sich mit Jesus in der Liebe vereinigen. Da sagte sie während der Ekstase: „Jesus hat mein Herz durchbohrt.“ Der Herr Jesus hatte ihr Herz so durchbohrt, wie Er es bei der hl. Teresa und bei Pater Pio getan hatte. Dies ist ein besonderes Zeichen, das auf die mystische Vereinigung eines Menschen mit Gott hinweist.  Der hl. Johannes vom Kreuz schreibt, dass so eine Gabe Menschen verliehen wird,  die für eine besondere Mission in der Kirche auserwählt sind. Man nennt dies die Gnade der Transverberation, also der Durchbohrung des Herzens. Dies ist eine echte Wunde, ein tatsächliches Durchbohren des Herzens. Gäbe es da nicht das spezielle, wundersame Eingreifen Gottes, würde ein Mensch mit solch einer Wunde sofort sterben. Von dieser Wunde im Herzen Schwester Marias überzeugte man sich erst nach ihrem Tod. Der Karmel in Pau wollte ihr Herz bei sich behalten. Als der Chirurg Dr. Carpani das Herz dem Körper der Toten entnahm, konnten alle sehen, dass es  ganz durchbohrt war, und dass die Wundränder angetrocknet waren. Wie hatte Schwester Maria mit einer solchen Wunde im Herzen zehn Jahre lang leben können? Die Medizin ist nicht in der Lage, dies zu erklären, aber für Gott ist nichts unmöglich.

Ich werde viel leiden

Um das hinterhältige Wirken der bösen Geister zu demaskieren, die sich verborgen halten und den Menschen einreden, es gäbe sie gar nicht, kündigte Jesus Schwester Maria an, sie werde das Leiden der Besessenheit durchleben. Sie wiederum informierte ihre Oberen darüber: „Jesus wird dem Satan die Macht geben, meinen Körper vierzig Tage hindurch  zu peinigen. Ich werde viel zu leiden haben. Der Dämon wird nur Macht über meinen Körper haben, meine Seele hingegen wird verborgen bleiben. Jesus hat mir versprochen, Er werde sie so verschließen, dass der Satan keinen Zugang zu ihr bekommt. Der Dämon wird mich in einen Zustand bringen, dass ich nach außen hin viele Fehler begehen werde, obwohl ich nicht sündigen werde, mein Wille wird hier nichts ausrichten können. Ich werde den kleinen Kindern ähnlich sein, deren Verstand noch schläft und die deshalb zu keiner Sünde fähig sind. Jesus will, dass ich ohne Trost leide. Ich werde den Kelch trinken wie Jesus, aber ich werde nur einen kleinen Tropfen daraus trinken, während Jesus ihn doch bis zur Neige getrunken hat!“

Alle Leiden, die sie erwarteten, opferte sie für die Kirche, den Heiligen Vater, für die Priester, die Bekehrung der Sünder und für die Seelen, die im Fegefeuer leiden, auf. Am Tag vor der Besessenheit erschien Schwester Maria der Herr Jesus. Er legte ihr ein riesiges Kreuz auf die Schultern, das ihr einen empfindlichen Schmerz zufügte.

Warum hat Gott dieses schreckliche Leiden zugelassen, das Besessenheit ist? Die Theologie der Mystik und die großen Mystiker bezeichnen diesen Zustand als passive Reinigung. Um den Menschen auf eine noch engere Vereinigung mit sich vorzubereiten und ihm einen besonderen Anteil an der Erlösung der Sünder zu geben, reinigt der Herrgott ihn vollkommen, indem er satanische Quälereien, Obsessionen, aber auch Besessenheit zulässt. Der Herr Jesus ließ es zu, dass der Körper Schwester Marias vierzig Tage hindurch unter der Herrschaft böser Geister stand.

Genauso, wie es vorhergesagt wurde, begann sich der Satan am Mittag des 26. Juli 1868 des Körpers von Schwester Maria zu bedienen und sprach durch ihren Mund. Während er furchtbare Lästerungen ausstieß, versuchte er die Schwestern zu überreden, nicht auf ihre Oberin zu hören („das alte Weibsstück“), das Kloster zu verlassen und sich an den irdischen Annehmlichkeiten zu freuen. Exorzismen bewirkten nur, dass die Dämonen den Körper von Schwester Maria lediglich für kurze Zeit verließen. Dann konnte sie die hl. Kommunion empfangen, mit den Schwestern sprechen oder zur Beichte gehen. Es gab Tage, wo eine ganze Legion von Dämonen in sie hineinfuhr. Sie litt furchtbar, ihre Schreie waren entsetzlich; ab und zu, wenn sie die Kontrolle über sich selbst wiedererlangte, sprach sie Akte der Liebe zu Gott aus, und auch, dass sie seinen Willen vollkommen annahm, ihre Leiden aber für die Sünder aufopferte. Sie sagte: „Mein Gott, ich liebe Dich. Ich will für Dich leiden. Wenn es Dein Wille ist, mein Gott, dann werde ich bis zum Ende der Welt leiden. Jesus, mach, dass ich Deinen Willen erfülle. Ich will nur Dir gefallen.“ Diese heroische Haltung Schwester Marias verstärkte nur die Wut Satans, der schrie, heulte und fluchte.

Der Herr Jesus übergab den Leib Schwester Marias der Herrschaft des Satans, aber Er verbot ihm, irgendetwas gegen ihre Reinheit zu tun. Die Exorzismen und Worte des Priesters hatten eine große Kraft.  Durch den Befehl des Priesters waren die Dämonen gezwungen, nachts zu schweigen.

Manchmal hörten die Schwestern, wie Schwester Maria sagte: „Ich weine, Jesus, aus dem Grund, weil ich nicht genügend für Dich leide.“ Nach den satanischen Angriffen wiederholte sie: „Nichts anderes, als nur für Jesus leiden.“

Der Bischof Lacroix war über alles informiert. Am 16. August 1868 schrieb er Sr. Maria einen besonderen Brief. Hier ein Abschnitt daraus: „Jesus, der dich für sich selbst erschaffen hat, möchte auch, dass du sein Leben der Mühen und Versuchungen, des inneren Ringens und der Kämpfe gegen den Dämon und die Sünde lebst, aber Er will dich mit seiner göttlichen Kraft zum Sieg führen, so wie Er selbst gesiegt hat. Nachdem Er dem Dämon erlaubt hatte, Ihn zu versuchen, erlaubte Er auch, dass er dich versuchte, aber Er wird ihn bezwingen, so wie Er ihn in sich selbst bezwungen hat. Jesus hat die Hölle durch das Kreuz besiegt. Die Nägel, die Ihn ans Kreuz hefteten, haben die Dämonen in Fesseln gelegt, und seine Dornenkrone ist zur Krone der Herrlichkeit geworden.“

Es gelang den bösen Geistern nicht, Sr. Maria auch nur zur geringsten Klage zu bewegen, obwohl es Tage gab, an denen einhundert böse Geister sie auf grauenvolle Weise quälten. Nach jedem Angriff der Mächte des Bösen wiederholte Sr. Maria: „Ich vereinige mich mit Jesus auf Kalvaria und bringe mich selbst zusammen mit Ihm als Opfer für die Bekehrung der Sünder dar. Mein Gott, sei gesegnet!“

Sie vereinigte ihre Leiden mit den Leiden Jesu in jeder Phase seines Leidens und seines Todes, angefangen beim Verrat des Judas bis zum Tod am Kreuz. Während dieses großen Leidens wurde sie von der Gegenwart Jesu, der Muttergottes und der Heiligen gestärkt. Maria opferte ihre Leiden für die „Blinden, die die Kirche nicht kennen“ auf, und für alle, die gegen die Kirche kämpfen und sie hassen, für die verhärteten Sünder, die Gottes Barmherzigkeit ablehnen und auf dem Weg in die Hölle sind.

Eines Tages erschien Jesus Sr. Maria und sagte: „Nicht Ich bin es, der die Hölle für euch wählt. Ihr selbst seid es, die diese Wahl treffen. Es gibt keine Seele, die ins Verderben geht, und der Ich nicht zuvor tausendmal ins Herz gesprochen hätte. Ich kam auf die Erde, nahm eure Natur an, wurde ein kleines Kind, gehorsam, arm, gedemütigt. Alles habe Ich für euch ertragen. Nicht Ich bin es, der euch verurteilt, sondern ihr selbst verurteilt euch, wenn ihr die Sünde wählt und meine Barmherzigkeit zurückweist.“

In den letzten Stunden der Besessenheit von Schwester Maria kam Luzifer selbst. Ihr Körper wurde zuerst ganz rot, einen Moment später schwarz. Rauch und ein starker Geruch von Pech kamen aus ihm. Alles deutete darauf hin, dass sie im Todeskampf lag. Der Mittag des 40. Tages der Besessenheit näherte sich. Plötzlich verwandelte sich alles. Schwester Maria erhob sich in einer Levitation über ihr Bett. Ihr Gesicht und ihr ganzer Körper wurden verwandelt und strahlten eine überirdische Schönheit aus. Alle Anwesenden knieten nieder und weinten vor Glück, als sie die Freude des Himmels erfuhren.  Der auferstandene Christus hatte den geschundenen Leib Sr. Marias vollkommen verwandelt.

Die Zeugen dieser dramatischen Ereignisse erfuhren nicht nur die entsetzliche Gegenwart der Dämonen und die Wirklichkeit der Hölle, sondern vor allem die allmächtige Liebe Christi, der in seinem Tod und seiner Auferstehung den definitiven Sieg über den Satan, die Sünde, die Hölle und den Tod errungen hat. Der Herr Jesus gibt uns allen in den Sakramenten der Buße und der Eucharistie Anteil an seinem Sieg. Man muss nur jegliche Sünde verabscheuen und sich in den Abgrund der Barmherzigkeit Gottes werfen.

„Fürchtet nichts“, so sprach Sr. Maria, „seine Barmherzigkeit ist grenzenlos. Die Menschen haben Angst vor Jesus. Sie schauen auf Ihn wie auf einen Henker, während doch seine Augen so väterlich sind. Er ist verrückt nach uns Menschen! Er liebt die Kleinen, Schwachen, die Hochmütigen liebt er nicht. Sucht niemals Halt bei den Geschöpfen, sondern ruft zu Gott. Wenn ihr wegen irgendeiner Sünde oder eines Elends bis auf den Boden des Abgrunds fallt, dann ruft noch lauter, rührt sein Herz. Ich lehre euch einen kleinen Trick. Sagt zu ihm: »Herr, ich bin allein, ich bin ganz unten, sehr tief, ich habe eine gebrochene Hand und ein gebrochenes Bein, ich bin schwach und krank, komm! Ich kann kaum noch zu Dir rufen, und ich will keine andere Rettung als Dich allein!«“.

 

       Fortsetzung folgt.

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